Politik : Beifall, aber kein Jubel

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Von Robert Birnbaum,

Frankfurt a. Main

Als der große, schwere Mann sich auf die Bühne wuchtet, hinter das Rednerpult tritt und mit einem schnellen Blick den Saal mustert, ist es für einen ganz kurzen Augenblick vollkommen still. Angela Merkel zieht die Luft ein. Sie hat diesen Auftritt gewollt. Weit rechts vom Rednerpult, in der Reihe der CDU-Präsidiumsmitglieder, starrt Wolfgang Schäuble geradeaus. Sein Gesicht wird die nächste halbe Stunde hindurch fast unbeweglich bleiben. Da ertönt, leicht belegt, die vertraute Stimme. Helmut Kohl spricht zu seiner Partei.

Es sind vorher nicht alle begeistert gewesen von dieser – nun ja, Rehabilitationsmaßnahme. Ob das denn nötig sei, haben einige der Jüngeren gefragt. Aber diejenigen, die in der Partei etwas zu sagen haben, fanden den Gedanken richtig. Kohl, sagt ein Präsidiumsmitglied, gehöre für viele in die Mitte der Partei. Seit zweieinhalb Jahren ist Helmut Kohl nicht mehr auf CDU-Parteitagen aufgetaucht. Das lag nicht nur an der Spendenaffäre. Sein bislang letzter Auftritt 1999 in Erfurt ist allen noch in guter, nämlich schlechter Erinnerung. Wie da einer im Kreise seines Hofstaats einmarschierte und seinen Nachfolger Schäuble förmlich in die Ecke drängte. Früher oder später, sagt im Rückblick ein Mitglied der Parteiführung, hätte es sowieso zum Machtkampf zwischen dem Alten und den Neuen kommen müssen.

Die Spendenaffäre habe so gesehen sogar ihr Gutes gehabt. Sie hat den Generationswechsel, so brutal er ausfiel, viel einfacher gemacht. Dass die CDU nach vier Jahren nicht hoffnungslos in Diadochenkämpfe verstrickt auf die nächste Oppositionszeit zusteuert, sondern auf die Rückkehr zur Macht, verdankt sie auch dem raschen Ende des Netzwerks Kohl. Dass Leute wie Schäuble oder Lothar Späth heute als Hoffnungsträger auftreten, spricht nicht gegen, sondern eher für diesen Wandel: Es sind ja Kohls alte Widersacher, die es da noch einmal wissen wollen.

Helmut Kohl aber wird Geschichte. Neulich, als der NRW-CDU-Chef Jürgen Rüttgers Kohl und Roman Herzog zu begrüßen hatte, hat er Herzog mit „Herr Altbundespräsident“ angesprochen, woraufhin der freundlich nickte, – und Kohl mit „Herr Altbundeskanzler“, woraufhin der leicht zusammenzuckte. Doch er gewöhnt sich. Und so redet er über das, was war. Über die Arbeiterrevolte in der DDR am 17. Juni 1953, die sich an diesem Montag jährt. Über die deutsche Einheit. Über den Mut der Menschen in Ostdeutschland, über Michail Gorbatschow und George Bush, den Vater. Und immer wieder über die Gewissheiten der Vergangenheit. Über die Roten, die die Einheit nie gewollt und die heute den Konsens aufgekündigt hätten, dass Demokraten niemals mit „Kommunisten“ paktieren dürften.

Es ist alles, wie es früher war. Die Stimme, die Worte: „Die Einheit unseres Vaterlandes“, auch die „zwei Seiten einer Medaille“ dürfen nicht fehlen. Merkel spitzt schon lange nicht mehr den Mund. Sie blickt jetzt gelassen. Kohl kommt zum Schluss. Zu seinem Vermächtnis. „Ich konnte in dieser Zeit einiges erreichen“, sagt er über seine 16 Kanzler-Jahre und die 25, die er die CDU geführt hat. „Ich danke allen sehr, sehr herzlich für das Vertrauen, das sie mir entgegengebracht haben.“ Dann schaut er auf die neue Parteichefin. „Ich wünsche mir, dass Sie dieses Vertrauen auf Angela Merkel übertragen.“ Der Beifall brandet auf. Beifall, kein Jubel. Der Parteitag erhebt sich. Der Redner nickt, geht nach links. Merkel kommt ihm entgegen, ein Händedruck. Unten im Parkett nimmt Kohl noch ein Weilchen den Applaus entgegen. Die drei Stufen, die jetzt zwischen ihm und dem CDU-Präsidium liegen, markieren den Stand der Dinge. Helmut Kohl hat seinen Abschied genommen.

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