Politik : Beleidigungen gehören zur Freiheit

Von Harald Martenstein

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Deutsche Christen und deutsche Muslime sollen lernen, einander besser zu verstehen. Dazu gab es eine Tagung. Gut, versuchen wir’s. Erster Punkt: Lernen, mit Ärger konstruktiv umzugehen.

Alle, zumindest fast alle in Deutschland sind gegen die Entscheidung der Deutschen Oper, eine Mozartinszenierung aus Angst vor islamistischen Anschlägen aus dem Programm zu nehmen. Der „Bild“-Kolumnist Franz Joseph Wagner dagegen ist froh. Er schreibt, dass neben dem abgeschlagenen Kopf des Propheten Mohammed auch der Kopf von Jesus Christus auf der Bühne der Deutschen Oper liegt, für dessen Ehre aber gehe keiner auf die Barrikaden, der habe keine Lobby.

Tatsächlich sind auch sehr viele von uns christlichen Deutschen einer bestimmten Art von Theater überdrüssig, die seit Jahrzehnten mit Provokationen arbeitet, obwohl wir uns doch gar nicht mehr provozieren lassen, und mit Tabubrüchen, obwohl wir doch kaum noch Tabus haben. Das hat nichts Befreiendes mehr, es ist nur noch langweilig. Im Theater will man besonders genaue Bilder sehen und keine besonders brachialen. Aber so sieht eben unsere Freiheit aus. Diese Freiheit ist auch für die Deutschen, die keine Muslime sind, nicht immer einfach. Auch wir ärgern uns an fast jedem Tag über irgendetwas. Eine freie Gesellschaft funktioniert aber nur dann, wenn ihre Mitglieder in der Lage sind, Ärger herunterzuschlucken. Weil ich selber frei sein möchte, muss ich es ertragen, dass meine Nachbarn ihre Freiheit dazu benutzen, mich zu ärgern. Die Christen können den Muslimen in verschiedenen Punkten entgegenkommen, aber nicht in diesem. Wir können den Muslimen nicht versprechen, dass wir sie nicht mehr provozieren oder nicht mehr ihre Gefühle verletzen. Um dieses Versprechen zu halten, müssten wir die Freiheit abschaffen, das werden wir nicht tun. Das heißt: Wenn wir miteinander auskommen wollen, müssen die Muslime sich damit abfinden, dass sie hin und wieder beleidigt und ihre Gefühle hin und wieder verletzt werden. Es klingt sicher hart für sie, aber eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Vielleicht können die Muslime sich damit trösten, dass auch der Gott der Christen an jedem Tag tausendfach beleidigt wird, viel häufiger als Mohammed.

Ihr müsst euch abfinden, fertig, aus – diese Position klingt sehr selbstgerecht, das stimmt. Andererseits: Die Welt wäre eine einzige Hölle, wenn die Menschen nicht gelernt hätten, sich mit verschiedenen Dingen abzufinden.

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