Politik : Belgien

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Vincent Leysen,
Generation 25 

Für mich bedeuteten 50 Jahre eines zunehmend integrierten Europas ein Auslandsstudium in Großbritannien (und vom Ausland aus über das ERASMUS-Programm ein Auslandsstudium in Spanien) und Reisen ohne Grenzen, um neue Orte zu entdecken oder Fernbeziehungen aufrechtzuerhalten – auf der Basis einer perfekten Mischung fremder kultureller Eigenheiten und beruhigender Ähnlichkeiten.

Das zu können, eröffnet nicht nur neue Möglichkeiten, sondern auch Horizonte. Nationale Stereotypen bleiben erhalten, aber auf eine lustigere Weise – und werden eigentlich gehegt, weil wir so an lokalen Traditionen festhalten können, aber immer im Geiste der Toleranz und manchmal in einer Art bunter Mischung, sogar einer Anhänglichkeit an andersartige Sitten. Ich trinke meinen Tee heutzutage mit Milch und mag meinen Kaffee kurz, brauche aber immer noch einen Keks dazu.

Die 50 Jahre bedeuten leider auch, dass das Haus, in dem ich groß wurde, jetzt ein Hochhaus ist und meine alte Gegend mit ihren Obstständen, Metzgern und Frisören in das neue Geschäftszentrum verwandelt wurde.

Der Friede und die Stabilität konnten dank der Europäischen Union den Krieg in der Region hoffentlich ein für alle Mal in die Vergangenheit verbannen, und das ist die allergrößte Leistung.

Der Autor, Jahrgang 1979, ist Producer beim TV-Nachrichtenaustausch der Eurovision in Genf. Übersetzt aus dem Englischen von Karin Ayche.


Rob Heirbaut,
Generation 50

Erst seit ich mich beruflich damit beschäftige, habe ich die (positiven und manchmal auch negativen) Auswirkungen Europas auf den Alltag entdeckt - und die Resultate von 50 Jahren europäischer Zusammenarbeit. Und dass die Diversität Europas (Sprachen, Kultur, Küche...) ein Reichtum ist – wo sonst als in Brüssel ist das jeden Tag zu spüren? Eigentlich müsste es eine Möglichkeit geben, dass Menschen, die sich nicht von Berufs wegen mit Europa beschäftigen und nicht in Brüssel arbeiten, verfolgen und auch beeinflussen können, wie der Europa-Shop leibt und lebt. Mein Vorschlag: mehr Demokratie in der EU, mehr demokratische europäische Einrichtungen. Nichts, wovor man sich fürchten müsste – einfach machen!

Der Autor, Jahrgang 1967, ist Journalist und seit 2002 Europakorrespondent des flämischen TV-Senders VRT. Übersetzt aus dem Niederländischen von Karin Ayche.


Ludovicus de Clerck,
Generation 75

Drei Jahre, nachdem ich auf die Welt kam, begann der Zweite Weltkrieg. Als ich acht war, herrschte wieder Frieden. Als Kind habe ich von den Gräueln des Krieges fast nichts mitbekommen. Selbst vom Lager Fort Breendonk und den Grausamkeiten, die während der Kriegsjahre in seinen Mauern stattfanden, hatte ich keine Kenntnis, obwohl es nur eine halbe Stunde mit dem Rad von unserer Wohnung entfernt war. Den Krieg, seine Gräuel und seinen Wahnsinn entdeckte ich erst später anhand von Erzählungen, Zeugenaussagen und Büchern. Sie ließen mich erst richtig begreifen, was für ein Privileg es ist, in Frieden und Freiheit leben zu dürfen – und das schon seit mehr als sechzig Jahren.

In Westeuropa begannen die politischen Führer in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts, eine europäische Gesellschaft des Dialogs und der Zusammenarbeit, und nicht der nationalen Rivalität und des Krieges anzustreben, da sie wussten, dass Einheit dem Frieden dient und Zwietracht zu bewaffneten Konflikten führt.

Die Bemühungen um eine Abkehr von den verschiedenen nationalen Vaterländern, um mit den Bruchstücken ein großes europäisches Mosaik zu bilden, sind noch in vollem Gange. Die Europäische Union existiert, aber sie ist noch lange nicht fertig. Die Verehrung nationaler Souveränität wirft immer noch Knüppel in die Speichen des Integrationswagens. Die Fortsetzung der europäischen Integration bedeutet, die Einheit zu fördern und gegen militärische Konfliktlösungen zu kämpfen.

Es könnte nicht schaden, jenen Idealismus, der viele Jahre lang der Treibstoff des Integrationsmotors war, heute wieder zu entstauben-ganz im Gegenteil. Es könnte doch durchaus segensreich sein, die junge und aktive Bevölkerung der Europäischen Union noch einmal mit einer ordentlichen Dosis EU-Serum zu impfen? Es wird höchste Zeit, es erneut anzusetzen und zu injizieren.

Der Autor, Jahrgang 1936, ist Journalist und ehemaliger Chefredakteur der „Gazet van Antwerpen“. Übersetzt aus dem Niederländischen von Karin Ayche

 

Kathleen van Brempt

Die Europäische Union ist eine einzigartige Konstruktion. Noch nie zuvor haben souveräne Staaten - alle mit einer langen Geschichte und teilweise mit sehr unterschiedlichem kulturellen Hintergrund - aus eigener Initiative so intensiv zusammengearbeitet, um ihre gemeinsamen Ziele und Ideale zu verwirklichen. Dass dieses Projekt unglaublich erfolgreich ist, steht außer Frage. 50 Jahre Europa sind ein Synonym für 50 Jahre Frieden, Wohlstand und wirtschaftlichen Fortschritt. Und doch sehen wir, dass Europa heute immer mehr in Frage gestellt wird. Dies wird oft damit erklärt, dass die EU das Opfer ihres eigenen Erfolges geworden sei: Man finde Frieden und Wohlstand inzwischen selbstverständlich. Dabei wird ein großer Teil des Mehrwerts der europäischen Konstruktion verkannt, was manche dazu verleitet, nach einem halben Jahrhundert europäischer Integration für „weniger Europa“ zu plädieren. Solche Forderungen sind unangebracht. Wenn Bürger anfangen, die europäische Konstruktion in Frage stellen, liegt dies eher daran, dass die EU nicht genug tut. Wir brauchen also mehr denn je – mehr Europa!

Wir brauchen eine soziale Ausgestaltung und eine Ergänzung der wirtschaftlichen Dynamik. Es ist dringend eine Globalisierung sozialer Werte erforderlich, und das beginnt innerhalb der Europäischen Union. Nur wenn die Wirtschaftsunion durch eine Sozialunion ergänzt wird, können die Bürger Europas sich in diesem einzigartigen Projekt zu Hause fühlen.

Die Autorin, Jahrgang 1969, ist seit 2004 Flanderns Ministerin für Verkehr und Chancengleichheit. Übersetzt aus dem Niederländischen von Karin Ayche

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