Politik : Belgrads Polizei erschießt Verdächtige

Mutmaßliche Mafia-Bosse widersetzten sich Festnahme wegen des Mordes am serbischen Premier Djindjic

Gemma Pörzgen

Belgrad. Bei der Fahndung nach den Verantwortlichen für den Mord an Serbiens Ministerpräsidenten Zoran Djindjic hat die Polizei bei einer Festnahme zwei Verdächtige getötet. Das Belgrader Innenministerium teilte am Freitag mit, die beiden mutmaßlichen Mafia-Bosse Dusan Spasojevic und Milan Lukovic hätten sich am Donnerstagabend der Polizei widersetzt und mit Maschinengewehren auf die Beamten geschossen, die sie in einem Belgrader Vorort festnehmen wollten. Die beiden Männer seien auch mit Handgranaten bewaffnet gewesen, hieß es.

Bei Spasojevic soll es sich um einen der Chefs des „Zemun-Clans“ handeln, dem nicht nur die Ermordung des Premiers, sondern auch Drogenhandel und Entführungen zur Last gelegt werden. Lukovic war offenbar ein früherer Polizist und Anführer einer paramilitärischen Gruppe. Anfang der Woche hatte die Polizei nach eigenen Angaben den mutmaßlichen Todesschützen Zvezdan Jovanovic festgenommen, der Vize-Kommandeur der Sondereinheit „Rote Barette“ war. Der mutmaßliche Drahtzieher des Attentats, Milorad Lukovic, ist immer noch flüchtig. Die Zemun-Gruppe organisiert nach Regierungsangaben balkanweit den Drogenhandel und steht in enger Verbindung zu den Sicherheitskräften aus der Ära des im Oktober 2000 gestürzten früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic.

In den überfüllten Gefängnissen sitzen derzeit mehr als tausend Verdächtige ein. Der Radiosender B92 meldete, die Polizei habe auch die Milosevic-Schwiegertochter, Milica Gajic-Milosevic, vorübergehend festgenommen. „Wir bleiben nicht auf halbem Wege stehen“, sagte die amtierende Präsidentin Natasa Micic nach Berichten der Nachrichtenagentur Beta. Der von ihr vor zwei Wochen ausgerufene Ausnahmezustand bleibe bis zur endgültigen Zerschlagung des organisierten Verbrechens in Serbien in Kraft. Die Notstandsregelungen beeinträchtigten nicht die Freiheiten und Rechte, sondern dienten alleine zu deren Schutz, versicherte Micic.

Die gleich zu Beginn ausgegebene Losung der Regierung „Dies ist kein Ausnahmezustand für die Bürger, sondern für die Kriminellen“ findet überwiegend Zustimmung. Nur vereinzelt ist Protest zu hören. So kritisierte der frühere jugoslawische Präsident und heutige Oppositionspolitiker Vojislav Kostunica die Regelungen als überzogen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch rügt, dass Festgenommene derzeit 30 Tage lang ohne Rechtsbeistand bleiben. Internationale Journalistenorganisationen haben die Einschränkung der Pressefreiheit bemängelt. Die Medien dürfen in ihrer Berichterstattung über den Ausnahmezustand nur noch staatliche Quellen verwenden.

Die Belgrader Medien berichten, dass es unter den rund 30 000 Drogensüchtigen in Belgrad nach dem massiven Schlag der Polizei gegen die Mafia bereits Probleme gibt, ihren Bedarf an Drogen zu decken. Vor Apotheken der Stadt wurden die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt. Die Belgrader Anstalt für Suchtkrankheiten verzeichnet nach eigenen Angaben starken Zulauf von Patienten. Im Bereitschaftsdienst häuften sich die Fälle von Patienten mit Entzugserscheinungen. Djindjic war am 12. März vor dem serbischen Regierungsgebäude von Scharfschützen erschossen worden.

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