Ben Bernanke : "Ich will nicht der Oberbanker einer zweiten Great Depression sein"

In normalen Zeiten hätte ein demokratischer Präsident den Moment genutzt, um seinen eigenen Kandidaten an die Spitze der US-Notenbank zu bringen. Am 31. Januar 2010 endet der Vier-Jahres-Vertrag von Ben Bernanke. Doch dies sind keine normalen Zeiten.

Christoph von Marschall[Washington]

Der Republikaner George W. Bush hatte Ben Bernanke berufen. Es stände auch ein hoch qualifizierter demokratischer Kandidat zur Verfügung: Larry Summers, derzeit Obamas oberster Wirtschaftsberater im Weißen Haus und unter Bill Clinton Finanzminister.

Doch dies sind keine normalen Zeiten. Vor wenigen Monaten standen die USA noch am Ende einer zweiten "Great Depression" wie in den 1930er Jahren. Auch wenn viele Ökonomen in diesen Tagen aus Amerikas Wirtschaftsdaten hoffnungsvoll ableiten, das Ende des Abschwungs sei absehbar, bedeutet das noch lange nicht, dass die größte Volkswirtschaft der Erde wieder sicheren Boden erreicht hat. Es heißt nur, dass sie allmählich auf einen bescheidenen Wachstumspfad zurückkehrt. Die Arbeitslosigkeit wird vorerst weiter steigen, wohl auf über zehn Prozent. Die Verschuldung der USA ist beängstigend. Die Gefahr von Rückschlägen in einzelnen Sektoren ist nicht gebannt.

In dieser labilen Lage setzt Obama auf Kontinuität in der Krise. Offiziell ist der Präsident in Ferien auf der Insel Martha's Vineyard. Am Dienstag nutzte er die nachrichtenarme Zeit, um in der Schule von Oak Bluffs, die als provisorisches Urlaubs-Pressezentrum des Weißen Hauses herhält, mit Bernanke vor die Kameras zu treten, dessen Erfolge zu loben und ihn für eine weitere Amtszeit vorzuschlagen. Mit "unkonventionellen Methoden" habe der Fed-Chef "eine zweite große Depression abgewendet", sagte der Präsident. Der Kongress muss Bernanke bestätigen, aber mit scharfer Opposition der Republikaner muss der 58-Jährige wohl nicht rechnen. Eher ist Unmut bei einigen Demokraten zu erwarten.

Bernankes Bilanz hat zwei Seiten. In seinen Jahren als Professor in Princeton hatte er intensiv über die Ursachen der Großen Depression in den 1930er Jahren geforscht. Damals habe der Staat zu wenig getan und so eine jahrelang anhaltende Rezession mit verschuldet. Diese Lehren bildeten die Basis für die Reaktion erst der Bush- und dann der Obama-Regierung, als das Finanzsystem 2007 zu wackeln begann und unzureichend abgesicherte Immobilienkredite 2008 eine globale Bankenkrise auslösten. Gemessen an den Befürchtungen des Herbstes 2008 ist es bisher glimpflich ausgegangen. Das sei Bernanke zu verdanken, heißt es in den USA. Seine Kritiker halten ihm vor, dass er die Risiken, die sich aus dem weltweiten Weiterverkauf fauler Immobilienkredite ergaben, zu spät erkannt habe. Und seine Politik nahezu zinsloser Kredite und hoher staatlicher Verschuldung bringe zwei enorme Risiken mit sich: hohe Inflation und eine neue Spekulationsblase.

Daraus ergeben sich Konflikte mit Europa. Dort fürchte man eher die Inflationsgefahr und weniger das Risiko einer sich hinziehenden Wirtschaftsflaute, falls der Staat die Zufuhr frischen Geldes wieder drosselt. Bernankes Hauptaufgabe in der zweiten Amtszeit ist es, den Weg zurück zu normalen Verhältnissen zu ebnen. Seine Studien der Großen Depression legen nahe, dass er noch viel länger, als Europa das befürwortet, die Politik billigen Geldes fortsetzen wird. Damals gab es nach dem ersten tiefen Sturz Anfang der 30er Jahre einen zweiten gravierenden Einbruch 1937 - laut Bernanke, weil der Staat seine zaghafte Hilfe zu früh wieder reduzierte. Den Fehler will er nicht wiederholen. Im TV-Sender PBS sagte er kürzlich über die Rolle der Notenbank: "Wir drücken aufs Gaspedal". Er wolle "nicht als Oberaufseher einer zweiten Großen Depression" in die Geschichtsbücher eingehen.

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