Benedikt XVI. besucht Erfurt : Papst in Luthers Land
07.09.2011 16:45 UhrDie Fliesen auf dem Boden sind abgetreten. Viele Hundert Jahre liegen sie schon hier, viele Millionen Füße sind darüber gegangen. Auch Martin Luther stand oft auf diesem Boden im Kapitelsaal im Erfurter Augustinerkloster – als er noch katholisch war. Von 1505 bis 1511 war er hier Mönch.
500 Jahre später, am 23. September 2011, wird zum ersten Mal ein Papst nach Erfurt kommen und das Kloster des Papstzweiflers Luther besuchen. Und wieder wird der Kapitelsaal eine historische Rolle spielen. Hier wird Benedikt XVI.
eine halbe Stunde mit Vertretern der evangelischen Kirche sprechen. Danach wird er zusammen mit den Evangelischen in der Klosterkirche nebenan einen Gottesdienst feiern.
Die Begegnung und der Gottesdienst sind von hoher symbolischer Kraft, und sie kommen auf ausdrücklichen Wunsch des Papstes zustande. Dies alleine ist schon bemerkenswert. Denn traditionell ist die katholische Kirche auf Martin Luther nicht gut zu sprechen. Schließlich haben seine Äußerungen zur Spaltung der Kirche geführt, bis heute sind die Unterschiede zwischen den Kirchen groß, etwa in der theologischen Bewertung der Sakramente und des Papst-, Bischofs- und Priesteramtes. Auch waren die Verlautbarungen auf hoher Ebene in den vergangenen Jahren eher auf Abgrenzung als auf Annäherung angelegt. Vor ein paar Monaten erst hatte der katholische Bischof
Gerhard-Ludwig Müller aus Regensburg die evangelische Kirche aufgefordert, sie möge sich entschuldigen, weil Martin Luther den Papst einen „Antichristen“ genannt habe. Aber Müller verkörpert nicht den Mainstream in der Deutschen Bischofskonferenz. Am Mittwoch reagierte allerdings auch Erzbischof Robert Zollitsch verschnupft, der Vorsitzende der Bischofskonferenz. Er habe sich „gewundert“ über einen Artikel in der aktuellen Ausgabe des Monatsmagazins „Chrismon“, das von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) herausgegeben wird. Darin beschreibt der Chefredakteur mit deutlichen Worten, warum er von der katholischen zur evangelischen Kirche übergetreten sei.
Für allzu große Empfindlichkeit zwischen den Kirchen ist in Ostdeutschland kein Raum. Von den knapp 200 000 Erfurtern sind 6,6 Prozent katholisch und 13,8 Prozent evangelisch. Was die Kirchen wollen, interessiert hier kaum jemanden, geschweige denn, was sie trennt. Dass die beiden Kirchen eng zusammenarbeiten, sei „der Normalfall“, sagt der evangelische Oberkirchenrat Christhard Wagner in Erfurt. „Religiöses ist den Menschen hier so fremd, dass es schon wieder interessant ist“, sagt Joachim Wanke, der katholische Bischof von Erfurt. Das sei auch eine Chance.
Lesen Sie auf Seite zwei, was sich Bischof Wanke vom Papstbesuch wünscht.















