Politik : Benzinproteste: Zurück in die Zukunft (Kommentar)

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Im Mittelalter kippten die Stadtbewohner ihre Abfälle einfach auf die Straße. Deshalb stank es auch in reichen Städten wie auf einer Müllkippe, wahrscheinlich noch viel schlimmer. Bestialischer Brauch, denkt sich unsereins heut zu Tage angeekelt und freut sich, wie aufgeklärt und zivilisiert wir doch geworden sind. Was für ein Glück der Fortschritt doch ist! Allerdings - zweiter, eher ungemütlicher und weniger ohrensesseltauglicher Gedanke - kann es sein, dass die Leute in vier-, fünfhundert Jahren womöglich ähnlich angeekelt an unsere heutigen Städte denken werden? Dass sie staunend vor Bildern von fast baumlosen, alarmierend hässlichen Asphaltwüsten stehen werden? Dass sie fassungslos hören werden, dass damals sogar ganze Häuser abgerissen wurden, nur um noch mehr von diesen grässlichen Asphaltöden zu schaffen? Vor allem werden sie nicht begreifen können, warum stinkende, unförmige Stahlkarossen damals die Städte beherrschen durften, so genannte Autos, die nicht nur jede Menge Krach machten, sondern auch hin und wieder ein paar Fußgänger und Kinder ins Jenseits beförderten. Und - kaum zu fassen - die Gesellschaft hielt diese Art von Opferritual damals auch noch irgendwie für normal. Und trotz dieses barbarischen Brauchs glaubte die Menschheit damals allen Ernstes, sie sei zivilisiert und aufgeklärt. Aber so war das 21. Jahrhundert, seltsam, rätselhaft, dunkel. Zum Glück ist es schon lange, lange vorbei.

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