• Bergleute einer Braunkohlegrube bei Brüx wehren sich gegen die Schließung unrentabler Zechen

Politik : Bergleute einer Braunkohlegrube bei Brüx wehren sich gegen die Schließung unrentabler Zechen

Ludmila Rakusan

Seit drei Wochen verharren 46 Bergleute in einer der nordböhmischen Braunkohlegruben bei Brüx (Most) unter Tage, um ihre Arbeitsplätze zu retten. Sie wollen erzwingen, dass ihr unrentables Bergwerk von der Fördergesellschaft MUS AG nicht geschlossen, sondern verkauft wird. Als Käufer kommt für sie allerdings nur eine Person in Frage: ihr ehemaliger Kumpel Ladislav Pleticha. Dieser behauptet, einen deutschen Interessenten zu vertreten. Nennen möchte er ihn aber nicht. Dennoch kam am Montag eine vorläufige Einigung über den Verkauf von der Grube Kohinoor zwischen der MUS AG und Pletichas Gesellschaft SHD-Peel zu Stande. Der Wortlaut dieses Vorvertrages ging den Streikenden jedoch nicht weit genug. Also blieben sie vorerst weiter in der stickigen Tiefe von 365 Metern und führten Gespräche mit ihren Gewerkschaftsführern.

Laut Chef des tschechischen Gewerkschaftsverbands, Richard Falbr, wurden die Kumpel allerdings Opfer eines "schmutzigen Spiels", denn sie "setzten blind" auf einen Menschen, dem man normalerweise "nicht einmal einen Hund zum Spazierenführen anvertrauen würde". In jenem Spiel geht es um 600 Millionen Kronen (rund 33,3 Millionen Mark), die sich die Belegschaft von Kohinoor bereits vor fünf Monaten mit einem anderen Besatzungsstreik erstritten hatte. Damals versprach ihnen Arbeitsminister Vladimir Spidla, den Prozess der Schließung ihrer unrentablen Grube auf fünf Jahre auszudehnen und dafür staatliche Zuschüsse in der genannten Höhe zu gewähren. Allein im letzten Jahr jedoch überstiegen die Verluste von Kohinoor 200 Millionen Kronen. Deshalb beschloss das Management, das Werk nur noch bis zum Jahresende zu betreiben. Daraufhin kam die jetzige Streik-Lawine ins Rollen.

Der verzweifelte Besatzungsstreik ist lediglich ein Vorzeichen dessen, was spätestens in einem Jahr die ganze Region erfassen wird. Im Mai 2001 nämlich soll das umstrittene südböhmische Akw Temelin endlich ans Netz gehen und dem Braunkohle-Strom Konkurrenz machen. Auf dem Binnenmarkt wird dann die Nachfrage nach Braunkohle auf etwa die Hälfte dessen sinken, was heute gefördert wird. Anfang der 90er Jahre begründete man die angebliche Notwendigkeit, das noch von sowjetischen Technikern geplante Akw Temelin zu Ende zu bauen mit der Absicht, die Kohle-Dreckschleuder im Norden des Landes zu schließen. Inzwischen aber verzögerte sich die Fertigstellung von Temelin dermaßen, dass man die veralteten, mit Braunkohle beheizten E-Werke sowieso weitgehend auf Vordermann bringen und mit modernen Entschwefelungsanlagen versorgen musste. So gehören zu den entschlossenen Gegnern von Temelin heute in Tschechien neben den Umweltschützern auch die Bergleute. Unter den letzteren ist heute schon rund jeder Fünfte arbeitslos.

Mit staatlicher Unterstützung wird der Bergbau seit Jahren gedrosselt. Allerdings taten die Regierungen nach der Wende nur wenig dafür, Bedingungen für alternative Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen. Das traditionelle "Kohle-und Stahlherz" von Mährisch-Ostrau (Ostrava) beispielsweise hat immer noch keine vernünftige Verkehrsanbindung. Eine Autobahn wird zwar gebaut, aber erst in Jahren fertig sein. Im Wettstreit um die ausländischen Investoren siegt eindeutig die benachbarte südpolnische Region, wo man mit Industriezonen und Vergünstigungen rechtzeitig ein günstiges Investitionsklima schuf. Auch die Region um Brüx wurde von den Investoren bislang weitgehend gemieden. Der dortige energische Bürgermeister Jiri Sulc sinnt jedoch auf Abhilfe: 250 Hektar Flachland mit einer Viertelmillion Einwohnern im Umkreis von 50 Kilometern, so etwas sei als eventuelle Industriezone mitten in Europa heutzutage einmalig. Noch ist diese Fläche allerdings als Militärflughafen bei Saatz (Zatec) im Besitz der tschechischen Armee, auch wenn dort seit zehn Jahren kein einziges Flugzeug landete. Dennoch wird über den Traum des Brüxer Bürgermeisters nicht einmal verhandelt. In Prag scheint man offensichtlich ein anderes Wunschbild zu hegen: das der vollen Töpfe der Brüsseler Strukturfonds nach dem ersehnten EU-Beitritt.

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