Politik : Bergungsarbeiten: Für viele Opfer keine Totenscheine

Gisela Ostwald

Bürgermeister Rudolph Giuliani sagt den Angehörigen der Opfer der Terrorflüge in das World Trade Center schonend, sie müssten "auf alles gefasst sein". Er umschreibt damit, was Michael Baden, Chefpathologe des US-Staates New York, so sieht: Nach seiner Einschätzung wurden Hunderte Menschen im Flammen-Inferno der Zwillingstürme buchstäblich kremiert. Sie können nicht identifiziert werden und erhalten auch somit keine Totenscheine. Selbst mit den ausgefeiltesten Tests werde es kaum gelingen, alle Toten zu identifizieren, sagte Baden zuletzt am Sonntag im Fernsehen.

450 000 Tonnen Baumaterial waren bei dem Attentat von Terroristen bis zu 411 Meter in die Tiefe gestürzt und begruben mehr als 5000 Menschen unter sich. Die Beseitigung der Trümmer und die Identifizierung von Leichenteilen werden Monate dauern. "Wir werden wohl noch Weihnachten Körper ausgraben", sagt Chefpathologe Baden. Hinterbliebene einer im Jahr 1996 vor New York abgestürzten Passagiermaschine meinten sogar, die Angehörigen der Terroropfer müssten sich im schlimmsten Fall auf Jahre einstellen.

Die Toten der vor Long Island bei New York abgestürzten TWA 800 waren die ersten, die von forensischen Experten durchgehend genetisch identifiziert wurden. Heute gehört die Aufschlüsselung des genetischen Profils zum medizinischen Alltag. Doch noch nie in der Geschichte der forensischen Medizin, betont Baden, seien DNA-Tester vor eine Aufgabe dieser Größenordnung gestellt worden. Seine Experten hoffen, täglich 300 bis 700 Gewebeproben von eisgekühlten Leichenteilen in New York bewältigen zu können. Doch die anfangs geschätzte Gesamtzahl von 20 000 benötigten DNA-Tests erweist sich zunehmend als illusorisch. Je tiefer die Rettungshelfer graben, desto mehr stoßen sie auf zerfetzte Teile menschlicher Körper.

Versicherungsgesellschaften rechnen unterdessen mit Ansprüchen in Höhe von 30 Milliarden Dollar durch Privatkunden mit Lebensversicherungspolicen und durch Geschäftsunternehmen. Für die Versicherungsgesellschaften hat die Frage nach einem Totenschein eine untergeordnete Bedeutung. Bislang ging es nur darum, den Anschlag auf das World Trade Center als Terroristentat oder Kriegsakt zu definieren. Kriegsgeschehen wird von Versicherungen ausgenommen. "Ich habe keine Zweifel, dass die Versicherungsindustrie keine andere Wahl hat als zu zahlen", sagte Bruno Porro vom Exekutivkomitee der Rückversicherungsgruppe Swiss Re der Zeitung "Finanz und Wirtschaft".

Doch bis dahin gibt es für Hinterbliebene noch ganz andere Hürden zu überwinden. Vielen fällt es derzeit noch schwer, Persönliches von ihren Lieben zur Bestimmung des genetischen Profils herzugeben. "Das ist wie ein Verrat. Als hätten wir die Hoffnung auf ihre Rettung aufgegeben", sagt etwa Maritza Castro aus der Bronx.

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