Bericht des Weltklimarates : Die Uhr tickt - die Staaten zögern

Nun liegen die Fakten auf dem Tisch. Die Forderungen sind klar - die Klimakatastrophe ist noch zu vermeiden. Aber bis 2015 muss gehandelt werden. Von Amir El-Ghussein

Berlin - Die wissenschaftlichen Erkenntnisse belegen: Ja, es gibt eine vom Mensch verursachte Klimaerwärmung. Ja, der Ausstoß von Treibhausgasen wie Kohlendioxyd und Methan sind die Antriebskräfte des Temperaturanstiegs. Wenn der globale Temperaturanstieg im beherrschbaren Bereich von 2,0 bis 2,4 Grad Celsius bleiben soll, muss - das ist die Konsequenz - bis 2050 die Treibhausgas-Emission um 50 Prozent reduziert werden.

Im Jahr kostet dies weniger als 0,12 Prozentpunkte des weltweiten Wirtschaftswachstums, stellt jetzt der dritte Teil des Weltklimaberichtes klar. Die Klimaerwärmung bedroht Lebensräume, wirtschaftliche Grundlagen für viele Menschen, der Meeresspiegel wird ansteigen und Küstenregionen sind von Flutkatastrophen bedroht. Die Temperaturerhöhung führt zu einem beschleunigen Artensterben und einem vermehrten Auftreten von Dürren, was Lebensmittelknappheit und Hungersnöte nach sich zieht. Flucht, soziale Konflikte und Kriege könnten die Folgen sein. Besonders betroffen sind die armen Bevölkerungsgruppen in Entwicklungsländern, aber auch in Europa und den USA.

Ein Umdenken in den Bereichen Mobilität, Ernährung und Energienutzung ist notwendig, um die Auswüchse zu stoppen. Eine Voraussetzung, um die Klimaerwärmung unter Kontrolle zu halten - und um nichts anderes geht es mehr - ist ein Umbau der Energiesysteme in den Industrieländern. Doch der Widerstand der Energielobby ist beträchtlich, da die Unternehmen um ihre Gewinne fürchten. Dabei schlummert gerade im Bereich der regenerativen Energiequellen ein enormes Wachstumspotenzial. Die Öko-Industrie ist für viele der großer Hoffnungsträger was die wirtschaftliche Entwicklung in den Industriestaaten angeht. Dieser Bereich könnte zum Jobmotor der nächsten Jahre in den Industrienationen werden. Als sicher gilt: Ein langfristiges Wachstum wird nur klimaverträglich sein, wenn eine Entkopplung des Energieverbrauchs vom Wirtschaftswachstum gelingt.

Klimaschutz ohne China und Indien ist undenkbar

Nachdem der Weltklimarat seinen Bericht vorgelegt hat, richten sich die Augen auf die Politik. Welche Entscheidungen werden auf der Weltklimakonferenz Ende des Jahres in Indonesien getroffen? Dort müssen die Industriestaaten einvernehmlich deutliche Reduktionsziele für Treibhausgase beschließen, um die Ernsthaftigkeit der Klimaschutzbemühungen zu unterstreichen. Die Vorbildfunktion der Industrieländer ist nicht zu unterschätzen, da sie 95 Prozent der historischen, menschgemachten Kohlendioxydbelastung verschuldet haben. Länder wie China und Indien, die dabei sind sich zu entwickeln, werden deshalb sehr genau auf die Maßnahmen der westlichen Länder schauen. Klimaschutzauflagen werden in vielen Entwicklungsländern skeptisch beäugt und vorgeschobenes Argument gesehen. Sie befürchten, dass ihnen durch Klimaschutzauflagen Entwicklungshemmnisse drohen. Glaubwürdigkeit ist nur durch eine Vorreiterrolle der Industriestaaten zu erlangen.

Warten auf die USA

Vor diesem Hintergrund wird es interessant sein, ob die USA ihren Blockadekurs beibehält oder - wie angekündigt - sich stärker um den Klimaschutz kümmern wird. Ein nationale Klimaschutzstrategie, die nicht mit der internationalen Gemeinschaft abgestimmt ist, wird nicht zur notwendigen Glaubwürdigkeit beitragen und dürfte Entwicklungsländer kaum dazu bewegen ihren fragilen Ökonomien Fesseln anzulegen.

Die USA argumentierten bisher, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht gesichert seien. Den Berichten des Weltklimarates haben die USA nun zugestimmt und müssten deshalb - wenigstens theoretisch - die Erkenntnisse und die daraus resultierenden Forderungen akzeptieren. Deshalb wäre ein Einlenken des weltweit größten Luftverschmutzers zu begrüßen - denn ein globaler Klimaschutz ohne die USA ist wirkungslos. (Amir El-Ghussein)

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