Politik : Berlin bleibt cool

Wie Bewohner und Besucher den Tag erlebt haben.

von
Penders,
Penders,

Es war ein besonderer Tag: 32 Grad, der Himmel wolkenfrei, nur der Hubschrauber kreiste ratternd über der Stadt. Als Barack Obama sein politisches Programm absolviert und seine Familie die Stadt erkundet, haben wir an verschiedenen Orten Menschen getroffen und gefragt, wie sie den Besuch des US-Präsidenten erlebt haben.

Die Angestellten am Potsdamer Platz

Anstehen und warten. So beginnt für die Angestellten der Unternehmen und Kanzleien, die sich am Potsdamer Platz befinden, der Tag. Die Schlange am Zugang Ben-Gurion-Straße, Ecke Kemperplatz ist meterlang. Eine 32-Jährige, die im sechsten Monat schwanger ist, harrt bereits eineinhalb Stunden aus, um zu ihrer Arbeitsstelle – einem Immobilienunternehmen – zu kommen. „Ich habe mich zwischenzeitlich schon mal auf den Boden gesetzt“, sagt sie. Doch alle Mitarbeiter dürfen nur „grüppchenweise“ in Polizeibegleitung durch die Absperrung. Das dauert. Etliche Wartende haben „Frühstück to go“ vom Coffeeshop in der Nähe mitgebracht. Am Laternenmast liegen leere Pappbecher und Sandwich-Verpackungen. Kurz darauf öffnen Polizeibeamte wieder kurz das Gitter, lassen die 32-Jährige und eine Handvoll Kollegen durch – aber nur bis zum Zelt, das ein paar Meter weiter steht. Dort geht’s dann zu wie auf dem Flughafen: Abtasten und Taschenkontrolle. Der Weg zur Arbeit ist an diesem Mittwoch besonders lang.

Die Restaurant-Besitzerin

Ihr Fahrrad ist voll bepackt mit Tüten und Eimern voller Salate und frischen Kräutern. Die möchte die Besitzerin eines persischen Restaurants in der Reinhardtstraße nun in ihren Laden bringen. Doch auch für sie ist an der Yitzhak-Rabin-Straße, Ecke Straße des 17. Juni Schluss. „Klar, ich wusste von den Absperrungen. Aber man weiß ja nie, wo genau und wie lange wirklich etwas dicht ist.“ Sauer auf Obama ist sie deshalb nicht. „Der ganze Aufwand lohnt sich aber meines Erachtens gar nicht“, meint sie. Doch als der Präsident in der Kolonne um die Ecke rauscht, ist auch sie etwas beeindruckt. Wenige Minuten später darf sie die Yitzhak-Rabin-Straße wieder entlangfahren. Die Polizeiposten an der Absperrung nehmen einen tiefen Schluck aus ihren Wasserflaschen. Geschafft – erst einmal. Dann ziehen die Beamten wie im Gänsemarsch weiter zur nächsten Einsatzstelle.

Der Kofferträger auf dem Weg ins Adlon

Glück im Unglück hat am Ende Johann Moritz. Eigentlich ist der 21-Jährige total sauer. Entkräftet nach knapp zwei Stunden „herumirren“ auf der Suche nach dem richtigen Schlupfloch zum Hotel Adlon, wo er als Kofferträger arbeitet. An der Straße des 17. Juni, Ecke Yitzhak-Rabin-Straße ist wieder Schluss. „Bitte warten Sie, hier geht es momentan nicht weiter“, sagt ein Polizist aus Schleswig-Holstein freundlich. Johann Moritz ist genervt. „Ach, Mann. Und? Rufen Sie jetzt meinen Chef an und sagen ihm das?“, fragt er den Beamten. „Kann ich gern machen. Soll ich mit dem skypen?“, erwidert der Beamte und scheint es wirklich ernst zu meinen, als er die Hand nach dem Handy des jungen Mannes ausstreckt. Doch Johann Moritz hat es sich anders überlegt. Er zündet sich eine Zigarette an und wartet. Das lohnt sich: „Da ist er. Er kommt“, ruft eine Journalistin, die ebenfalls an der Absperrung ausharrt. Dann rauscht die Kolonne mit dem Cadillac, in dem der US-Präsident sitzt, vorbei. Barack Obama winkt aus seiner schwarzen Limousine – dem „Beast“. Alle lachen.

Die Touristen

aus den Niederlanden

Enttäuscht, dass sie ausgerechnet in Berlin sind, als der US-Präsident die Stadt lahmlegt? „Ach was“, sagt Nancy Penders (37), die mit ihrem Freund Arien Hocheboom (41) aus der Nähe von Amsterdam angereist ist. „Wir finden es spannend zu sehen, wie die Stadt und die Leute auf so hohen Besuch reagieren“, sagt Nancy Penders. Und das Paar ist mit der entspannten Atmosphäre zufrieden. Die Absperrungen hätten sie überhaupt nicht gehindert, ihr Berlin-Programm abzuarbeiten. Und das, obwohl sie in einem Hotel nahe dem Potsdamer Platz wohnen. „Jetzt sind wir auf dem Weg zum Checkpoint Charlie“, erzählt Arien Hocheboom. „Um dort hinzukommen, gehen wir notfalls ein paar Umwege.“ Anschließend will das Paar noch zum Kurfürstendamm weiterziehen. „Da dürfte es ja weniger anstrengend sein.“

Der Bar-Mann

Günter Windhorst hat ein Herz für Polizisten. Vor allem für diejenigen, die nahe seiner Bar „Windhorst“ an der Dorotheenstraße, Ecke Neustädtische Kirchstraße am Absperrzaun stehen – in der prallen Sonne. Windhorst eilt mit einem Tablett voller Wassergläser mit Eis und Limetten herbei, um sie den Polizeibeamten zu servieren. „Das sind ja bestimmt 40 Grad hier“, vermutet der Barmann. Die meisten Beamten nehmen das eiskalte Wasser dankend an. „Die, die nichts nehmen, haben wohl Angst, dass ich etwas reingemischt habe“, sagt Windhorst und lächelt. Dass wegen Obama die Gäste ausbleiben könnten, stört ihn nicht. „Es ist eh viel zu heiß heute.“ Windhorst ist Absperrungen gewohnt. Direkt in der Nachbarschaft befand sich einst die US-Botschaft, bevor sie umzog zum Pariser Platz.

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