Politik : Berlin: Deutsche sollen Irak verlassen

Das Auswärtige Amt hofft, dass nach dem Fall Osthoff Reisewarnungen ernst genommen werden

Sven Lemkemeyer

Berlin - Die Bundesregierung hat nach der Freilassung der im Irak entführten Susanne Osthoff noch einmal eindringlich an alle Deutschen appelliert, das Land zu verlassen. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes (AA) stellte klar dass, das es im Irak nach wie vor hochgefährlich sei: „Es gibt seit zweieinhalb Jahren eine eindringliche Reisewarnung unseres Hauses für den Irak – verbunden mit dem Hinweis, dass das Risiko für Entführungen sehr hoch ist.“

Der Staatsminister im AA, Gernot Erler (SPD), sagte jedoch im NDR, er hoffe, dass der Fall Osthoff – die erste deutsche Geisel im Irak – zu der Lehre führe, „dass diese Einschätzungen, die da getroffen werden in Form von Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes, doch zu beachten sind“. Erler betonte, das Hilfsangebot für den Irak bestehe im Prinzip weiter. Doch sei zu befürchten, „dass das nicht immer so ausgeht wie im Fall Osthoff“, sagte er unter Hinweis auf die Nachricht vom Montag, nach der ein gekidnappter Amerikaner ermordet worden ist. Die 43-jährige Archäologin Osthoff war am Sonntagmittag nach 23 Tagen Geiselhaft freigekommen. Wer genau die Entführer waren, welche Motive sie hatten und wie die Freilassung erreicht wurde, ist weiter nicht bekannt.

Die Sprecherin des AA sagte, nach ihren Informationen befänden sich zurzeit noch rund 100 Deutsche im Irak, die meisten mit familiären Bindungen. Zudem halten sich einige Diplomaten im Land auf. Die meisten Hilfsorganisationen hätten ihre Mitarbeiter weitgehend abgezogen und arbeiteten mit einheimischen Angestellten. Deutsche Aufbauhelfer reisten, wenn überhaupt, nur noch für kurze Zeit ein. Eine genaue Zahl der deutschen Staatsbürger im Land lasse sich nicht nennen, da es für Deutsche im Ausland keine Meldepflicht gebe.

Wie es aus dem AA hieß, hat Osthoff am Montagnachmittag mit dem Leiter des Krisenstabs in Berlin, Staatssekretär Klaus Scharioth, telefoniert. Sie habe allen Mitarbeitern des Krisenstabs, der Bundesregierung und dem deutschen Botschafter im Irak für deren Einsatz gedankt. Zugleich bat sie um Verständnis dafür, dass sie zunächst noch nicht nach Deutschland zurückkehren, sondern in Abgeschiedenheit Zeit mit ihrer zwölfjährigen Tochter verbringen wolle.

Der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland, Nadeem Elyas, forderte die Hilfsorganisationen nach der Freilassung Osthoffs auf, Krisengebiete nicht zu verlassen. „Wir dürfen unsere Stellung nicht aufgeben wegen des terroristischen Drucks“, sagte Elyas dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. „Wo kämen wir hin, wenn jede Möglichkeit einer Gefahr ein Grund dafür sein soll, dass der menschliche Einsatz unterbunden würde?“ Elyas wies Äußerungen zurück, Osthoff sei an ihrer Entführung selbst schuld gewesen. Die Archäologin habe mehr Anerkennung verdient, betonte er. „Ich hätte Verständnis dafür, dass sie ein paar Wochen Urlaub in Deutschland macht und Lebenskraft schöpft – um sich danach wieder für den Irak einzusetzen.“ Sie sollte nicht einfach ihre Lebensaufgabe aufgeben auf Grund eines terroristischen Aktes. Auch die Geschwister der 43-Jährigen, Anja und Robert Osthoff, warben um Verständnis dafür, dass die Freigelassene jetzt keinen Kontakt zur Öffentlichkeit sucht. „Sie wird sich erst mal verschanzen, weil sonst alle über sie herfallen“, sagte Anja Osthoff der Zeitung. Auch sie selbst habe keinen Kontakt zu ihrer Schwester.

Der frühere Staatsminister im Auswärtigen Amt, Jürgen Chrobog, im Jahr 2003 Leiter des AA-Krisenstabes im Fall der in der Sahara entführten und später freigelassenen deutschen Touristen, kritisierte ein „Sozialversicherungsdenken“ mancher deutscher Bürger im Ausland. Wer sich in Gefahr begebe, müsse das Risiko kennen, sagte er dem Bayerischen Rundfunk. „Man erwartet ja immer eine Rundumversicherung des Staates, aber Wunder können wir nicht bewirken.“

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