Politik : Berlin fällt wirtschaftlich weiter zurück

Hauptstadt immer mehr vom Bundestrend abgekoppelt / Dienstleistungen können Industrie nicht ersetzen

Lars von Törne,Corinna Visser

Berlin - Berlin fällt wirtschaftlich immer weiter hinter den Bundestrend zurück. Seit zehn Jahren führen die allgemein schwierige Wirtschaftslage und der Abbau von Arbeitsplätzen vor allem in Industrie und Baugewerbe dazu, dass die Hauptstadt sich von der Entwicklung im ganzen Land abkoppelt. Das bilanzierte das Statistische Landesamt Berlin am Donnerstag. Der Trend sei besonders Besorgnis erregend, da die bundesweite Wirtschaftsentwicklung ohnehin weit unter internationalen Vergleichszahlen liege, sagte der Vizedirektor der Behörde, Klaus Voy.

Während das Bruttoinlandsprodukt – der Wert von Produkten und Dienstleistungen – pro Einwohner bundesweit Jahr für Jahr steigt, geht die Entwicklung in Berlin seit 1995 stetig bergab. Bis dahin hatten sich das Bundesland und die Republik noch parallel entwickelt, aber seitdem fällt Berlin kontinuierlich zurück.

Als Ursachen der Misere der Hauptstadt benennen die Statistiker die seit zehn Jahren zunehmenden Beschäftigungsverluste in Industrie und Baugewerbe, außerdem Schließungen von größeren Betrieben wie Samsung, in deren Werk in Oberschöneweide zu DDR-Zeiten noch 10 000 Menschen arbeiteten und jetzt auch die letzten verbliebenen 800 Mitarbeiter vor der Arbeitslosigkeit stehen. Dazu komme der kontinuierliche Abbau von staatlichen Beschäftigten. Damit verbunden stagnieren in Berlin seit Jahren die Konsumausgaben, das verfügbare Einkommen pro Person steigt in der Hauptstadt deutlich langsamer als im Bundesdurchschnitt. Erneut hat Berlin innerhalb eines Jahres 30 000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze verloren. Die negative Entwicklung der Beschäftigten konnte durch den leicht wachsenden Dienstleistungssektor kaum ausgeglichen werden. Die Arbeitslosigkeit ist in Berlin durchgehend höher, der Unterschied zu Deutschland insgesamt ist größer geworden.

Besonders bemerkenswert ist die Erkenntnis der Statistiker, dass tief greifende Veränderungen des Arbeitsmarktes, die bundesweit stattfinden, in Berlin besonders schnell und deutlich zu sehen sind. Nirgendwo wächst die Zahl der instabilen, nicht sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse so rapide wie in der Hauptstadt, sagte Vize-Amtsdirektor Voy. Zu den größten privaten Arbeitgebern in der Stadt – mit 9600 Mitarbeitern auf Platz sieben – gehört die Deutsche Telekom. Der Konzern will bis 2008 bundesweit 32 000 Stellen abbauen. „Wie viele Mitarbeiter davon in Berlin betroffen sein werden, steht noch nicht fest“, sagte Telekom- Personalvorstand Heinz Klinkhammer dem Tagesspiegel.

Die Gewerkschaft Verdi befürchtet, dass 1000 bis 2000 Stellen in der Hauptstadt auf der Streichliste stehen könnten. Die Telekom nennt keine Zahlen. Eine Detailplanung gebe es noch nicht. Außerdem verweist der Konzern darauf, dass mit dem neuen Hochgeschwindigkeitsnetz zusätzliche Stellen in Berlin entstehen. Auch neue T-Punkte seien geplant. Wie viele Stellen unter dem Strich bleiben, könne noch niemand sagen.

Seiten 9, 21 und Meinungsseite

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