Politik : Berlin im neuen Format

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Von Hermann Rudolph

So ändern sich die Zeiten. An die Stelle von Ernst Reuters Warnruf „Schaut auf diese Stadt!“ ist das denkbar zivile Pendant dieser Aufforderung getreten: Seht euch diese Stadt an! Natürlich werden sich die Tausende Teilnehmer des Weltkongresses der Architekten, der diese Woche in Berlin tagt, mit vielen Themen beschäftigen, nicht zuletzt mit den Problemen von Architektur und Städtebau in einer zunehmend von der Globalisierung ergriffenen Welt. Aber dass der Kongress hier tagt – und zum ersten Mal in Deutschland –, hat schon etwas mit der Neugierde auf das aufregende Kapitel in der Geschichte von Architektur und Städtebau zu tun, das hier stattgefunden hat. Zwölf Jahre nach dem Ende des monströsen Schauspiels der Teilung der Stadt, drei Jahre nach dem Umzug, mit dem ein Land eine neue Hauptstadt eröffnete, ist dieser Kongress auch ein großer Besichtigungstermin.

In Berlin liest sich das Leitmotiv des Weltkongresses, „Architektur als Ressource“, ja auch anders als an anderen Orten. Woraus resultiert denn die Anziehungskraft Berlins? Die Hauptstadt hat kaum mehr als die Politik nach Berlin gebracht. Die ersehnte Berliner Gesellschaft ist nach wie vor bestenfalls ein Projekt, realiter eher ein Gerücht. Der Aufschwung der Stadt zur Metropole lässt auf sich warten. Aber gebaut worden ist hier in den letzten Jahren so viel wie kaum irgendwo sonst. Und wenn Berlin Jung und Alt anzieht und der Republik für ihre Existenz einen neuen, herausfordernden Resonanzboden bereitstellt – was immer sie damit macht –, so resultiert das nicht zuletzt aus dem gewaltigen Um- und Neubau der Millionenstadt. Berlin, die Hauptstadt, hat in diesem Jahrzehnt eine faszinierende Stadtgestalt, ein neues Gesicht gewonnen.

Man hat diesen neuen Gründerjahren den Mangel an architektonischem Wagemut angekreidet. In der Tat hat sich in Berlin der große architektonische Aufbruch nicht ereignet. Stattdessen kam – so klagen viele – das neue steinerne Berlin mit seinen einheitlichen Natursteinfassaden, gelocht von zumeist ebenfalls gleichförmigen Fenstern, ob Hotel oder Geschäftshaus. Die Klage übersieht, dass sich die Stadt dank Traufhöhe-Heiligung und Fassaden-Reglement immerhin gegenüber der Invasion der Investoren behauptet hat – einigermaßen. Und war denn, aufs Ganze gesehen, nach dem Ende der Teilungszeit wirklich der Auftritt des ganz Neuen angesagt? Gefragt war Rückkehr zu den Wurzeln, Konsolidierung der ruinierten Teile, mühevolle Erneuerung. Die viel beredete „kritische Rekonstruktion“, der Leitgedanke der Baupolitik, traf ziemlich genau, was allein Aufgabe und Sache sein konnte.

Natürlich sind in Berlin in diesen Jahren auch Hervorbringungen von Format und Eigenwille entstanden. Im Spreebogen hat die politische Selbstdarstellung dieser Republik eine neue Gestalt gewonnen. Die Neuinterpretation von Stadt und Republik, die dort gewagt wurde, hat der Hauptstadt mit Fosters Reichstagskuppel und dem Kanzleramt von Schultes ihre Wahrzeichen beschert – begeistert angenommen das eine, noch immer reserviert beäugt das andere. Aber geprägt wird das Bild der Stadt doch von dem Ergebnis der Wiederherstellung und Erneuerung ihrer Bausubstanz. Das neue Berlin ist weitgehend aus dem klugen, in manchen Teilen erstaunlich gelungenen Umgang mit seiner Erbschaft gewonnen worden. Sieht man es von gestern oder vorgestern her – sei es aus der Perspektive der politisch gewürgten Doppelstadt, sei es aus der der architektonischer Stile der 70er Jahre –, so kommt das Ergebnis einer Wiedergeburt der Stadt nahe. Und auch wenn die Kritiker es bezweifeln: Es könnte sein, dass sich das Schloss in seiner neu-alten Mischform gerade vor diesem Berlin als schließlich überzeugender Schlussstein erweist.

Taugt das alles als Anschauungsmaterial für die Architekten dieser Welt? Berlin hätte ja noch mehr zu bieten, seine Vergangenheit nämlich. Da war es – so hat es Kleihues formuliert, einer der maßgebenden Architekten Berlins – für die Architektur für ein ganzes Jahrhundert wie kein anderer Ort „Anlass, Projektionsfläche und Ziel von Utopien, Fantasien und kontroversen Projekten“. Aber Vergangenheit hatte diese Stadt immer, zumeist zu viel davon. Heute hat sie, zumindest auf diesem Feld, auch Gegenwart.

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