Politik : Berlin leuchtet uns heim CHECKPOINT CHARLIE 21:30 UHR

Für die Deutschen ist Berlin 20 Jahre nach dem Mauerfall zur verbindenden Hauptstadt geworden. Und für die Welt steht das wiedervereinigte Berlin wie keine andere Stadt für ein neues, ziviles Land

Peter von Becker

Es wurde Licht.

Ja, die Neuschöpfung Berlins, die an dem legendären Novemberabend heute vor 20 Jahren so unverhofft jäh und dann jubelnd begann, sie glich im ersten Moment einem Blitz der Geschichte.

Das Sinnbild vom werdenden Licht aber meint nicht nur die Genesis und den prometheischen Fortschritt, die Aufklärung, Befreiung und Zukunftshoffnung, es kann auch ganz sinnlich gelten. Wer heute nämlich erstmals nach Berlin kommt, der erhält kaum noch eine Vorstellung, wie diese Stadt vor zwei Jahrzehnten war. Und junge Berliner, die in den 1980er Jahren oder später geboren wurden, können sich diese kaum vergangene Zeit schon gar nicht mehr ausmalen.

Wer aber Großberlin in den Zeiten vor der Wende bei Dunkelheit überflog, der konnte die Teilung der Stadt schon aus der Luft erkennen: Es gab jenseits der bedrückenden Lichtspur der Grenzanlagen eine fast schwarze Hälfte. Und wer, vom Westen kommend, durch den düsteren Bahnhof Friedrichstraße mit seinen mit Taschenlampen und Spürhunden bewaffneten Grenzern und dann durch die Kontrollen im schäbigen „Tränenpalast“ in den abendlichen Berliner Osten gelangte, der war, nein: nicht im Herzen der Finsternis. Aber im trüben Halbdunkel, zwischen Ruß- und Ruinenschwarz und jenem fahlen Gleißen auf den windigen betonierten Aufmarschflächen, welche die Mitte der „Hauptstadt der DDR“ eher nach Bulgarien oder Pjöngjang als nach einer europäischen Kulturstadt aussehen ließen.

Auf dem Gendarmenmarkt wuchs Steppengras zwischen den Steinen, aber unterm Pflaster war nirgends der Strand. Am Brandenburger Tor die Grenzwunde und Einöde, der Potsdamer Platz westlich der Mauer, der Pariser Platz oder Leipziger Platz im Osten nicht mehr vorhanden, nur noch Brache oder Ruin, und der zum ostmodernen Underground aufgestiegene Prenzlauer Berg bröckelte und zerfiel wie alle Altstädte der DDR.

Auch die andere, vergleichsweise luxuriös alimentierte West-Stadthälfte, die fast nur am Kurfürstendamm noch äußerlich glänzte und zwischen Zehlendorf und Kreuzberg in die unterschiedlichen Milieus der ergrauenden Achtundsechziger, des Restbürgertums und der Jungalternativen zerfiel, auch sie wirkte als schiere Gegenmanifestation zum Osten nur noch durch die äußere Mauer im Innern zwangsverbunden. So war auch der viel reichere Berliner Westen wie von Mehltau überzogen. Befallen vom Staub der künstlichen Existenz, den selbst die blühende Kunst der Philharmoniker, der Schaubühne oder der saisonal wechselnden Festspiele nicht mehr wegblasen konnte. So wenig, wie die teils offiziöse, teils subversive zweite Kulturhauptstadt im Berliner Osten mit ihren Theatern, Museen und Literaturzirkeln das wirtschaftliche, politische, gesellschaftliche Überleben sichern konnte.

Berlin galt damals als spannende, aber graue Stadt. Nun leuchtet es wieder. Leuchtet ganz anders natürlich als in den legendären 20er Jahren, aber selbst das Grau hat nun viel mehr Nuancen. Berlin glänzt sogar mit seinen kunstvoll kultivierten Narben wie im Fall des aus Ruinen auferstandenen Neuen Museums oder mit dem polierten Dunkel des Holocaust-Mahnmals, das ein belebter Treffpunkt der Jugend aus aller Welt geworden ist: zur Verwunderung erst einiger pietätvoller Älteren, aber ganz im Sinne seines amerikanischen Erfinders Peter Eisenman und mancher Holocaust-Überlebender, die sich vieles, nur keinen weiteren symbolischen Friedhof wünschten.

Berlins Leuchtkraft schließt auch das Zwielicht, schräge Schlaglichter oder allerhand Irrlicht mit ein. Aber hätte es den Mauerfall, die Wende und die Wiedervereinigung nicht gegeben und hätte der Bundestag doch Bonn statt Berlin am seidenen Faden des politischen Wankelmuts zur deutschen Hauptstadt gewählt, dann wären die Lichter längst ausgegangen. Oder doch: Eine kleine graue Leuchte wäre wohl geblieben, eben eine Stadt im sandigen Osten, mit nichts als versteinerter Vergangenheit und kaum noch bezahlbarer Zukunft.

Ohne Hauptstadtfunktion gäbe es Berlin heute nicht als deutsches und europäisches Highlight. Das nämlich ist es, trotz einer mitunter trüben, funzeligen Lokalpolitik. Trotz einer, ungeachtet aller Bundesgelder, lange Zeit engherzigen Berlinpolitik. Man war nicht vorbereitet. Nicht auf das geschichtlich einmalige Experiment, in einer einzigen Stadt zwei konträre Welt- und Wirtschaftssysteme zusammenzuführen.

Dieses Experiment ist noch immer im Gange, wenngleich in vielem bereits geglückt. Aber es begründet auch die anhaltenden Reibungen, Ambivalenzen, Amplituden. Berlin ist inzwischen, trotz seiner östlichen Randlage, wieder Deutschlands Mittelpunkt, aber die Stadt selbst hat nur eine neue politische Mitte, zwischen Kanzleramt und Reichstag. Auch der Fassadenfake eines Stadtschlosses mit musealer und bibliothekarischer Mischnutzung wird kein vitales, nicht mal ein ideales, symbolisches Zentrum bilden können. Was freilich nichts macht. Denn auch New York hat kein wirkliches Zentrum, und wer Paris, Rom, Madrid oder London genauer betrachtet, der sieht zwar ein paar berühmte Plätze und Symbole, aber es gibt dort keine Politik, Kultur, Kommerz und Alltag vereinende Mitte. Richtige Großstädte – und nicht nur die wuchernden Megacitys – leben heute aus ihrer Multipolarität. Aus vielen Subzentren und dem Patchwork, das auch die teils globalisierten, teils weltoffen gemixten, teils in sich kulturell abgegrenzten Bewohner kennzeichnet.

Im Bild des wiedererstandenen Berlins fehlen allerdings die äußeren Konturen und Kontraste. Berlins überwiegend altbacken wirkende, auf Traufhöhe und Rasterfassaden getrimmte neue Architektur ist, verglichen mit Chicago, Schanghai, London, Paris, Barcelona oder selbst Frankfurt am Main viel zu bieder für den Geist und die Bewohner der Stadt. Viele sind und waren da in ihren Köpfen, Emotionen, Energien längst weiter. Weiter als das sich mit dummen Sprüchen wie „Be Berlin“ selbst feiernde offizielle Berlin.

Insgesamt sind es jetzt über 3, 4 Millionen, die hier leben. Berlin wächst wieder, seit vier Jahren, während fast alle anderen deutschen Kommunen schrumpfen. Nach der Wende hatte man statt von dreieinhalb von bald viereinhalb Millionen geträumt. Aber irgendwann war die große Mauerfall-Wende-Wiedervereinigungs-Euphorie erschöpft. Das spürte man deutlich zur Mitte der 90er Jahre. Eben glänzte Berlin noch mit Christos phänomenaler Reichstagsverhüllung. Wieder ein (kleineres) Weltereignis. Doch plötzlich war alle Feiertagslaune verflogen. Berlin, selbst das grüne Berlin erschien im Sommer grau vom Staub all der offenen Baustellen, es herrschte in U-Bahnen und auf der Straße eine spürbare Gereiztheit und offene Aggressivität im ostwestlichen, westöstlichen Autoverkehr, immer öfter krachte es auch. Das Schillertheater war damals bereits zum ersten symbolkräftigen Opfer der Einheit geworden – der nun jedem dämmernden Kosten der Einheit. Berlin, dachten manche in der Lähmungsphase der späten Kohl-Ära, droht nun bestenfalls ein „Super-Bonn“ zu werden, verkörpert durch das ab 1995 geplante, gigantisch-sterile Kanzleramt.

Andere unkten lange vor dem Berliner Bankenskandal schon von der großen Pleite. Die sozialen Spannungen nahmen zu, der „brain drain“, der Abzug von Talenten war noch kaum gebremst, die wirtschaftsstarke Industrie kehrte nicht nach Berlin zurück, und die nach Mauerfall und Wende so beliebten Sprüche vom „neuen New York“ verstummten. Aber der Vergleich mit New York war gar nicht so schlecht.

New York, einst als Kommune bankrott und seine Bewohner von Kriminalität und wachsender Armut gebeutelt, galt Ende der 1970er Jahre als „Dying City“. Bald darauf jedoch hatte die Stadt die Wende geschafft, und der angeblich schon verfaulte Große Apfel blühte und boomte wie nie zuvor. Das Beispiel lässt sich aus mancherlei Gründen nicht so direkt auf Berlin und Deutschland übertragen. Dennoch ist Berlin, gewiss anders zerklüftet als New York, durch seine Rauheit, innere Buntheit und neue junge Überlebenskraft als einzige deutsche Stadt mit NY überhaupt ein bisschen vergleichbar. Wobei Berlin inzwischen sogar ein viel reicheres Kulturleben bietet als New York. Oder als andere europäische Hauptstädte.

Jedenfalls hat auch Berlin so etwas wie die zweite Wende geschafft. Damit ist nicht Sarrazins Sanierungspolitik gemeint. Sondern: Irgendwann in der zweiten Hälfte der 90er Jahre hörte man hier nicht nur zu Berlinale- oder anderen Festspielzeiten nebenan im Café, auf den Straßen, in den Kneipen plötzlich auch Englisch, Spanisch, Italienisch, Französisch, Israelisch, Polnisch (die Russen kamen erst später). Das aber waren keine Touristen oder schnelle Geschäftemacher (die kamen und kommen auch). Es waren Menschen aus aller Welt, die in Berlin arbeiten, wohnen, leben wollten. Mehr und andere als in jeder anderen deutschen Stadt. Man redet viel und zu Recht von den schlimmen Integrationsproblemen und von den ärmsten Migranten. Doch leben, arbeiten, studieren allein rund 150 000 Menschen aus den übrigen 26 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union in Berlin. Und dazu kommen und kamen die Deutschen aus dem ganzen Land.

Seit der Wende sind 1, 9 Millionen Menschen nach Berlin gezogen, während gut 1, 8 Millionen Altberliner in den Westen oder ins offene Umland gingen. Die Bevölkerung der Stadt hat sich seit dem Mauerfall also zu mehr als 50 Prozent ausgetauscht, ja man darf wohl sagen: erneuert. Denn nach dem so oft beklagten „brain drain“ kamen Künstler, Wissenschaftler, Freiberufler, Medienleute, Politiker, Diplomaten, Jungunternehmer, Mittelständler, nicht nur die Jungen, sondern auch tatkräftige, sich in Stuttgart oder Dortmund sonst langweilende Pensionisten. Auch so erhielt Berlin leibhaftig und geistig ein neues Gesicht, selbst wenn die Statistik 2008 das Durchschnittsalter der Berliner mit 42, 5 Jahren angibt – in London sind es zum Vergleich nur 36, 4 Jahre.

Berlin nach dem Mauerfall konnte seine Geschichte gewiss nicht völlig neu beginnen. Dieser Stadt, deren Leitbild vom Proll und Bourgeois langsam wieder mehr zum politisch und kulturell verantwortlichen Citoyen wechselt, fehlt beispielsweise noch das vertriebene und ermordete Bürgertum, fehlt die einst inspirierende berlinisch-jüdische Intelligenz. Aber das touristisch boomende, in den Künsten und Wissenschaften florierende Berlin steht in der Welt heute für ein neues, ziviles Deutschland. Und die Deutschen selbst, die erst eher desinteressiert, verächtlich oder neidisch erschienen, sind mittlerweile ein bisschen stolz auf ihre wiedergewonnene Hauptstadt. „Wir fahren nach Berlin“ ist ein Slogan, der nicht nur zu WM- oder Fußballpokalzeiten eint. Er bezeugt trotz aller noch bestehenden sozialen und kulturellen Unterschiede in Deutschland ein Stück neuer Identität. Berlin leuchtet – uns heim.

So ist denn die Berliner Republik keine anmaßende Chimäre mehr, sondern nach NS-Diktatur und Teilung ein Ausdruck gemeinsamer, demokratischer Wirklichkeit.

West-Berliner drängen am Alliierten-Grenzübergang in der Friedrichstraße auf das Gebiet der DDR. Die Grenzsoldaten sichern ihr Terrain – noch.

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