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Berlin-Wahl : Das Seufzen des Siegers

Nun kann er sich aussuchen, mit wem er regieren möchte. Mit den Grünen oder mit der CDU. Doch ganz so glanzvoll ist sein Sieg nicht. Das dürfte vor allem einen beruhigen – Sigmar Gabriel. Denn aus der SPD-Troika wird wohl keine Quadriga werden.

von und Stephan Haselberger
Klaus Wowereit hielt eine Regierungserklärung zum Oranienplatz.
Klaus Wowereit hielt eine Regierungserklärung zum Oranienplatz.Foto: dapd

Das erste Wort des Wahlsiegers an seine Genossen ist gar keins. 18.30 Uhr am Sonntagabend: Die Berliner SPD hat sich zur Feier der Wiederwahl ihres Regierenden Bürgermeisters in der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg versammelt. Klaus Wowereit steht oben auf der Bühne. Steht einfach da, klatscht und winkt zum Rhythmus einer Techno-Hymne, die sie ihm zu Ehren durch die Halle dröhnen lassen wie für einen Boxer vor dem Weltmeisterschaftskampf.
Dann spricht der SPD-Landesvorsitzende Michael Müller. Es geht um die diversen Wahlziele, welche die SPD an diesem Sonntag erreicht hat und es klingt ungefähr so sexy wie ein Vortrag über die Vorzüge der Riester-Rente. Bis Wowereit schließlich ans Mikrofon tritt und einen tiefen Seufzer von sich gibt.
„Hach“, seufzt Wowereit, „hach, es ist so schön, bei Euch zu sein!“ Das genügt schon, damit die unten in der Halle jubeln. Sie rufen „Wowi, Wowi“, sie klatschen und pfeifen. Und für einen kurzen Moment könnte man glatt vergessen, dass der Sieg ihres Stars weit weniger glitzert, als sie alle gehofft hatten.
Mehr als 30 Prozent – das war Wowereits Wahlziel. Mehr als 30 Prozent hätten genügt, um das Ergebnis von 2006 zu überbieten und aus dem Berliner Langzeitregierungschef einen neuen Hoffnungsträger für die SPD im Bund zu machen.

Gute 28 Prozent genügen dafür nicht. Das ist, bei aller Freude über den dritten Sieg in Folge, auch eine kleine Enttäuschung. Wowereit gibt das auf der Bühne in der Kulturbrauerei auch offen zu. Er sei ein „bisschen traurig“, darüber, dieses Ziel verfehlt zu haben, sagt er.

Auch Sigmar Gabriel sagt, die SPD habe sich gewünscht „dass es ein bisschen mehr wird“. Der SPD-Chef kommt in der Kulturbrauerei erst später zu Wowereit auf die Bühne. Er hält dann eine längere politische Ansprache, würdigt die Wahlsiege der SPD in den Ländern geht mit der Bundesregierung ins Gericht. Gabriel spricht und spricht und spricht. Wowereit steht daneben, einen riesigen Plüschbären im Arm, den ihm sein Landeschef Müller zum Wahlsieg geschenkt hat. Nach zehn Minuten sieht er das erste Mal auf die Uhr.

Anders als der Wahlsieger wirkt Gabriel bei seinem Auftritt kein bisschen enttäuscht, sondern ziemlich zufrieden. Dazu muss man wissen, dass Gabriel inzwischen Troikist ist. Für die so genannte Troika, bestehend aus Ex-Finanzminister Peer Steinbrück, Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier und eben Gabriel, ist ein zur Bescheidenheit verpflichteter Wowereit kein Anlass, sich zu grämen. Im Gegenteil. Für den Dreierbund ist es ausgemachte Sache, dass einer von ihnen die SPD in die nächste Bundestagswahl führen wird. Als Favoriten gelten die in der Bevölkerung gleichermaßen beliebten „Stones“, Steinbrück und Steinmeier. Gabriel schlägt weit weniger Sympathie entgegen, aber dafür verfügt er als Parteichef über das Recht des ersten Zugriffs.

Das Binnenverhältnis der Troikisten ist keineswegs frei von Spannungen. Doch für die Verhältnisse der SPD, die sich über Jahre hinweg in Machtkämpfen und Intrigen ergangen hat, dringt wenig nach außen. Bisher gibt das Trio ein geschlossenes Bild ab. Eines, das in scharfem Kontrast steht zu den endlosen Streitereien der Bundesregierung. Schon deshalb hat Gabriel kein Interesse an einer Debatte um Wowereit als weiteren Anwärter auf die Kanzlerkandidatur.
Für die Troika war Wowereit bisher vor allem ein potenzieller Störfaktor. Gefährlich für das Bild der Geschlossenheit. Und für die eigenen Ambitionen. Denn während Wowereit nun zum dritten Mal ins Rote Rathaus zieht, haben die Troikisten ihre Wahlen krachend verloren. Gabriel 2003 in Niedersachsen, Steinbrück 2005 in Nordrhein-Westfalen und Steinmeier 2009 im Bund. Auch an Machtwillen fehlt es Wowereit nicht. Mancher in der SPD fühlt sich gar an Gerhard Schröder erinnert. „Wowereit ist wie Schröder ein Spieler. Nur fehlt ihm Schröders Substanz“ urteilt ein Spitzen-Genosse.

Lesen Sie auf Seite 2, wie sich die SPD auf die Sondierungsgespräche vorbereitet.

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