Berliner im Dschihad : Hauptsache Krieg

Zwei junge Männer suchen Halt – und kommen so zum radikalen Islam. Einer von ihnen steht nun in Berlin vor Gericht. Der andere kämpft im Nahen Osten. Beide verschrieben ihr Leben dem Dschihad. Wie mehrere hundert allein in Deutschland.

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Der Islamist Denis Cuspert auf einem Screenshot aus dem November 2014.
Der Islamist Denis Cuspert auf einem Screenshot aus dem November 2014.Foto: dpa

Ein Schlachtfeld in Syrien. Islamistische Kämpfer haben im Durin-Gebirge eine Stellung von Truppen des Assad-Regimes erobert. Zwischen Armeezelten liegen Tote. Die Dschihadisten laufen triumphierend durch das Gelände. Zu den Siegern gehören offenbar auch Deutsche. Der eine ist mutmaßlich Fatih K., er filmt mit einer Videokamera den bekanntesten Dschihadisten der Bundesrepublik, Denis Cuspert.

Die beiden nähern sich Leichen in Kampfuniform. „Hier noch zwei stinkende Hunde“, sagt der Kameramann. Das Stichwort für Cuspert. Er versetzt den Toten Fußtritte. „Ich hasse die“, sagt er, „vergewaltigen unsere Schwestern, töten unsere Kinder“. Der Film bricht ab.

Das Video, vermutlich vom August 2013, dauert nur 39 Sekunden. Doch es reicht, um den Wahn und die Verrohung von Islamisten zu zeigen, die aus Deutschland in den syrischen Bürgerkrieg gezogen sind. Die Filmdatei ist auch nicht die einzige, die das Bundeskriminalamt im September 2013 auf einem USB-Stick aus der Kreuzberger Wohnung von Fatih K. entdeckt hat. Die grässlichen Szenen könnten zumindest für ihn unangenehme Folgen haben.

Einblick in die Welt der Dschihadisten

Seit Donnerstag steht Fatih K., gemeinsam mit dem Frankfurter Türken Fatih I., ein eher unauffälliger Mitläufertyp, vor dem Berliner Kammergericht. Es geht um den syrischen Bürgerkrieg, erstmals in einem Berliner Terrorprozess, in dem auch der rasante Wandel der Dschihadistenszene in Deutschland eine Rolle spielen wird.

Obwohl Fatih K. und Fatih I. am Donnerstag zu den Vorwürfen der Bundesanwaltschaft geschwiegen haben, Mitglied der Terrortruppe Junud al Sham (Soldaten Syriens) gewesen zu sein, eine paramilitärische Ausbildung durchlaufen und eine "schwere staatsgefährdende Gewalttat vorbereitet zu haben", bietet das Verfahren doch einen Einblick in die bizarre Welt der vielen Dschihadisten, die zwischen Deutschland und Syrien pendeln. Und die im Kopf den Terroristen von Paris sehr nahe sind.

Fatih K. im Jahr 2011 vor Gericht.
Fatih K. im Jahr 2011 vor Gericht.Foto: R. Jensen/dpa

Bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe sind bereits 46 Verfahren mit Bezug zu Syrien anhängig, sie richten sich gegen 83 Beschuldigte. Ende 2013 waren es erst fünf Verfahren mit acht Beschuldigten. Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, „dass der Scheitelpunkt noch nicht erreicht ist“. Das klingt logisch angesichts alarmierender Daten von Verfassungsschutz und Polizei. Mehr als 550 Islamisten aus Deutschland sollen bereits nach Syrien gereist sein und dort ihren Fanatismus austoben.

Bis hin zum Einsatz des eigenen Lebens. Zehn Dschihadisten aus der Bundesrepublik sollen sich bei Selbstmordanschlägen in die Luft gesprengt haben, weitere 50 bei Gefechten gestorben sein. Denis Cuspert, heute eine wichtige Figur beim „Islamischen Staat“, hätte es beinahe auch erwischt.

Im September 2013 sitzt er mit weiteren Dschihadisten in einem Haus in Syrien, als ein Kampfjet und ein Hubschrauber Raketen abfeuern. Cuspert habe, sagen Experten, vom Dach des Hauses geschossen, anstatt in den Keller zu flüchten. Das bezahlt er beinahe mit dem Leben. Eine Rakete trifft das Haus, Cuspert wird am Kopf schwer verletzt. Die anderen Dschihadisten fahren den Berliner von Krankenhaus zu Krankenhaus, bis sich ein Arzt findet, der die Wunde behandeln kann. Es sei „erstaunlich“, schreibt der Hamburger Verfassungsschützer und Terrorexperte Behnam T. Said in seinem Buch über den Islamischen Staat, dass Cuspert überlebte.

Kreuzberger Jungs

Der 39-jährige Ex-Rapper, Sohn einer deutschen Mutter und eines ghanaischen Vaters, und der drei Jahre jüngere Fatih K., Deutscher mit türkischen Wurzeln, sind Kreuzberger Jungs. Womöglich haben sie sich auf den Straßen des Viertels, diesem schrillbunten Gemisch der Kulturen, sogar kennengelernt. Zwei desorientierte junge Männer auf der Suche nach innerem Halt, den sie schließlich im rigiden Zwangssystem des radikalislamischen Salafismus zu finden glauben. Schon die Biografie von Fatih K. ist eine Geschichte für sich.

Geboren 1978 in Berlin, wächst er mit fünf Geschwistern in einer eher liberalen Familie auf. Er hat Probleme in der Schule, die Eltern kümmern sich jedoch kaum. Der Junge lungert in Kreuzberg mit Freunden herum, raucht Marihuana, versucht sich im Breakdance. 1996 schafft er einen Hauptschulabschluss, eine anschließende Lehre als Maurer muss er abbrechen. Nicht aus eigener Schuld – die Firma macht dicht. Danach gelingt es Fatih K. nicht mehr, einen soliden Job zu finden. Er lebt von Gelegenheitsarbeit und Sozialleistungen. Ein Jahr lang ist er als Schrottsammler unterwegs, fühlt sich dann aber auch damit überfordert. Trotz seiner prekären Lage wird er allerdings Vater von sieben Kindern.

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