Politik : Berliner Rede: "Ohne Grenzen gibt es kein Maß"

Roman Herzog hat als Bundespräsident 1997 die erste "Berliner Rede" gehalten. Damals sollte ein "Ruck" durch die deutsche Gesellschaft gehen. Am Freitag hat Bundespräsident Johannes Rau seine zweite "Berliner Rede" gehalten. Wir zitieren im folgenden Auszüge aus der Ansprache mit dem Titel: Wird alles gut? Für einen Fortschritt nach menschlichem Maß:

"Fast täglich erreichen uns atemberaubende Meldungen aus Wissenschaft und Forschung. (...) Krankheiten, die man für unbesiegbar gehalten hat, scheinen heilbar zu werden. Genetische Defekte lassen sich möglicherweise korrigieren. (...) Wir werden zu Mitspielern der Evolution. Gleichzeitig werden Ängste wach. (...) Manche fragen besorgt: Werden wir zu Zauberlehrlingen, die Entwicklungen in Gang setzen, deren Folgen wir weder überblicken noch beherrschen können? Dies muss in der ganzen Gesellschaft diskutiert und dann politisch entschieden werden - im Parlament.

Heute möchte ich dazu beitragen, dass wir Ausschau halten nach dem, was ich das menschliche Maß nenne. Ich möchte dabei den Blick auf den Umgang mit dem menschlichen Leben richten.

Wer von "Maß" spricht, der spricht von Grenzen. Ohne Grenzen, ohne Begrenzung, gibt es kein Maß. (...)Dafür brauchen wir Maßstäbe, die uns unterscheiden helfen, was wir tun dürfen und was wir nicht tun dürfen. Wir müssen uns die nur scheinbar einfache Frage vorlegen: Was ist gut für den Menschen? (...) Schwierig ist es, Grenzen da zu setzen und zu akzeptieren, wo man sie überschreiten könnte und sie sogar dann zu respektieren, wenn man dadurch auf bestimmte Vorteile verzichten muss. Ich glaube aber, dass wir genau das tun müssen. (...)

In der Diskussion über die Möglichkeiten der Lebenswissenschaften spielen Hoffnungen eine ganz große Rolle. Die Heilung von schweren und schwersten Krankheiten: Das ist es, was viele Menschen sich von den Fortschritten in der Bio- und Gentechnik versprechen. (...) Ich bin überzeugt, dass wir viel Gutes erreichen können, ohne dass Forschung und Wissenschaft sich auf ethisch bedenkliche Felder begeben müssen. (...)

Man muss ja wahrlich kein gläubiger Christ sein, um zu spüren, dass bestimmte Möglichkeiten und Vorhaben der Bio- und Gentechnik im Widerspruch zu grundlegenden Wertvorstellungen vom menschlichen Leben stehen. Diese Wertvorstellungen (...) liegen auch dem schlichten Satz zu Grunde (...): Die Würde des Menschen ist unantastbar. Diese Wertvorstellungen zieht niemand ausdrücklich in Zweifel. Wir können es uns aber auch nicht leisten, ethische Überzeugungen unbewusst oder schweigend aufzugeben oder sie zur Privatangelegenheit zu erklären. (...) Würden wir dann nicht die Gefangenen einer Fortschrittsvorstellung, die den perfekten Menschen als Maßstab hat? (...) Das wäre eine völlig andere, das wäre eine neue Welt - keine schöne. (...) Wo die Menschenwürde berührt ist, zählen keine wirtschaftlichen Argumente. (...)

Bei uns in Deutschland darf an Embryonen nicht geforscht werden. Das haben die Abgeordneten des Deutschen Bundestages im Jahre 1990 beschlossen. Sie haben als Beginn des schutzwürdigen menschlichen Lebens die befruchtete Eizelle festgelegt. Wer die Auffassung nicht teilt (...) der muss die Frage beantworten: Ab welchem anderen Zeitpunkt sollte menschliches Leben absolut geschützt werden? (...)

Manche fordern, dass auch in Deutschland die Präimplantationsdiagnostik, kurz PID, erlaubt werden soll. Dabei geht es um die Frage: Soll bei einer künstlichen Befruchtung ein Embryo auf genetische Schäden untersucht werden, bevor er in den Körper einer Frau eingepflanzt wird? (...) Nun wird gesagt, die PID könne man schon deswegen nicht verbieten, weil bei uns jedes Jahr Tausende von Abtreibungen straflos bleiben. Dieses Argument übersieht, dass es sich hier um zwei vollkommen unterschiedliche Sachverhalte handelt. Erinnern wir uns an die schwierige Debatte zum Paragrafen 218: Eine breite Mehrheit der Abgeordneten des Deutschen Bundestages war der Überzeugung, dass das Leben des Kindes nicht gegen den Willen der Frau geschützt werden kann. (...) Der Paragraf 218 ist kein Argument für die Präimplantationsdiagnostik. (...) Er rechtfertigt keine Praxis, die das Tor für biologische Selektion, für eine Zeugung auf Probe, weit öffnet.

Wie scheinbare Selbstbestimmung neue Zwänge erzeugen kann, das lässt sich an einem Beispiel aus jüngster Zeit zeigen. In den Niederlanden ist kürzlich die gesetzliche Grundlage für aktive Sterbehilfe geschaffen worden. Umfragen weisen darauf hin, dass es auch bei uns für eine solche Regelung eine weit verbreitete Stimmung gibt. (...) Wenn ich es recht sehe, sind deshalb so viele Menschen für aktive Sterbehilfe, weil sie große Angst davor haben, am Ende ihres Lebens Leid und Schmerzen hilflos ausgeliefert zu sein. (...) Ich verstehe diese Angst gut. Die aktive Sterbehilfe ist aber nicht die einzig mögliche Antwort auf diese verständliche Verzweiflung. Ja, wir brauchen einen anderen Umgang mit dem Sterben und dem Tod. Wir müssen wieder lernen: Es gibt viele Möglichkeiten, sterbenskranken Menschen beizustehen, sie zu trösten und ihnen zu helfen. Oft ist schon entscheidend, sie nicht allein zu lassen. (...)

Eugenik, Euthanasie und Selektion: Das sind Begriffe, die in Deutschland mit schlimmen Erinnerungen verbunden sind. Sie rufen deshalb emotionale Abwehr hervor. Trotzdem halte ich das Argument für ganz falsch und irreführend, wir Deutsche dürften bestimmte Dinge wegen unserer Geschichte nicht tun. Wenn wir etwas für unethisch und unmoralisch halten, dann deshalb, weil es immer und überall unethisch und unmoralisch ist. In fundamentalen ethischen Fragen gibt es keine Geographie des Erlaubten oder des Unerlaubten. (...)

Weil es hier im wahrsten Sinne des Wortes um existenzielle Fragen geht, muss ganz besonders gelten: Wenn wir begründete Zweifel haben, ob wir etwas technisch Mögliches tun dürfen oder nicht, dann muss es so lange verboten sein, bis alle begründeten Zweifel ausgeräumt sind. (...) Das Argument "Wenn wir es nicht tun, dann tun es die anderen." ist Ausdruck ethischer Kapitulation. Es scheint allerdings dann besonders stichhaltig zu sein, wenn es ökonomisch aufgeladen wird. (...)

Die Fragen nach Leben und Sterben betreffen uns alle. Darum dürfen sie nicht allein die Sache von Experten sein. Wir können unsere Antworten nicht delegieren: Nicht an die Wissenschaft, nicht an Kommissionen und nicht an Räte. (...)Wir müssen über diese Fragen streiten und dann gemeinsam entscheiden. (...) Die Zukunft ist offen. Sie ist kein unentrinnbares Schicksal. Sie kommt nicht einfach über uns. Wir können sie gestalten. (...) Nutzen wir sie für einen Fortschritt und für ein Leben nach menschlichem Maß."

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