Politik : Berliner Rede: Rau will strikte Grenzen für Gentechnik

Robert von Rimscha

Bundespräsident Johannes Rau fordert einen "absoluten Schutz" des Lebens und der Menschenwürde. Die Präimplantationsdiagnostik (PID), eine Lockerung des Verbots der Forschung an Embryonen und aktive Sterbehilfe lehnt er ab. Mit seiner "Berliner Rede" am Freitag zu strittigen Fragen der Gentechnik erteilte Rau Forderungen eine Absage, die vor allem aus der Bundesregierung, der FDP und der Wirtschaft kommen. Die Grünen, die CDU und die Kirchen begrüßten Raus Warnung. Bundeskanzler Gerhard Schröder reagierte reserviert. Der Respekt vor dem Amt des Bundespräsidenten verbiete einen Kommentar, sagte er in Berlin.

Wer die befruchtete Eizelle nicht als Beginn des schutzwürdigen menschlichen Lebens betrachte, müsse sich fragen lassen, "ab welchem anderen Zeitpunkt" es "absolut geschützt werden" soll. Die Befürworter von PID wollten nur bei sehr schweren Erbschäden einen Embryo nicht einpflanzen. Eine solche Beschränkung wäre nach Raus Meinung kaum einzuhalten und widerspräche aller Lebenserfahrung. Eine "Zeugung auf Probe" käme biologischer Selektion gleich. Es gebe "kein Recht auf Kinder", und schon gar nicht auf gesunde Kinder. Ähnlich hat sich die Justizministerin geäußert, die gegen den Kurs von Kanzleramt und Forschungsministerium eintritt.

Zwar brächte eine ungezügelte Fortpflanzungsmedizin ökonomische und wissenschaftliche Vorteile, so Rau, doch: "Wo die Menschenwürde berührt ist, zählen keine wirtschaftlichen Argumente." Schröder hatte davor gewarnt, die ökonomischen Chancen der Gentechnik unterzubewerten.

Rau beklagte, "durchaus schon verbreitet" seien Vorstellungen, den perfekten Menschen zum Maßstab zu machen und Auslese und schrankenlose Konkurrenz zum obersten Lebensprinzip zu erklären. Schranken für den Fortschritt seien gerade da nötig, wo wir "auf Vorteile verzichten". Er glaube, "dass wir genau das tun müssen". Tabus seien keine irrationalen Relikte, sondern "Ergebnis aufgeklärten Denkens".

Der Bundespräsident griff auch das Verfahren an, mit dem strittige Fragen der Gentechnik behandelt werden. Nötig sei eine politische Entscheidung im Parlament. Die "Antworten können wir nicht delegieren, nicht an Kommissionen und nicht an Räte". Auf Schröders Betreiben ist erst vor kurzem ein Nationaler Ethikrat berufen worden, der sich im Juni konstituieren soll. Es käme einer "Kapitulation" gleich, auf Grenzziehungen zu verzichten, weil andernorts PID oder Embryonenforschung erlaubt seien. "In fundamentalen ethischen Fragen gibt es keine Geografie des Erlaubten oder des Unerlaubten." Forschung, die den Menschen selbst ändere, müsse "so lange verboten sein, bis alle begründeten Zweifel ausgeräumt sind".

Kardinal Lehmann, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, bezeichnete Raus Aussagen als "brillante Rede von großer geistiger und menschlicher Kraft". CDU-Chefin Angela Merkel sprach von einem deutlichen kritischen Signal an Schröder, der "mit diffusen Warnungen vor ideologischen Scheuklappen" über ethische Fragen hinweggehe. Kerstin Müller und Andrea Fischer von den Grünen zeigten sich erfreut, dass Rau sich so offen für einen restriktiven Kurs in der Gen-Politik ausgesprochen habe. Einer aktuellen Umfrage zufolge lehnen zwei Drittel der Deutschen eine Lockerung des Verbots der Embryonenforschung ab.

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