Politik : Berlins Schulen voller Gewalt

Zahl registrierter Taten steigt um 76 Prozent / Körperverletzungen nehmen zu

Susanne Vieth-Entus

Berlin - Die Zahl der gemeldeten Gewalttaten an Berliner Schulen ist im vergangenen Schuljahr drastisch gestiegen: Sie lag um 76 Prozent über den Zahlen des Vorjahrs. Insgesamt wurden 1573 Vorfälle registriert, 679 mehr als im Schuljahr 2004/2005. An Haupt- und Sonderschulen gab es prozentual die meisten Gewaltvorfälle.

Während Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) dies in erster Linie auf ein erhöhte Sensibilität für Gewalt zurückführte und betonte, dass rein rechnerisch nur 1,6 Vorfälle pro Schule zu beklagen seien, sprach die Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus von einem enormen und beunruhigenden Anstieg.

Unter den dokumentierten Taten liegen Körperverletzungen mit 46 Prozent an erster Stelle, gefolgt von Bedrohungen (20,3 Prozent) und gefährlicher Körperverletzung mit mehreren Tätern oder dem Einsatz von Waffen (16,7 Prozent). Bei mehr als jedem fünften Vorfall waren Lehrer Opfer. In der Hälfte der Fälle trugen sie Körperverletzungen davon, in einem Fünftel wurden sie beleidigt. Selbst an den Grundschulen sind Lehrer nicht mehr sicher, obwohl die Schüler hier maximal 13 Jahre alt sind.

In 54 Prozent aller Fälle waren Kinder aus Migrantenfamilien als Täter oder Opfer beteiligt, obwohl sie nur 26,6 Prozent der Gesamtschülerschaft ausmachen. Die Referentin für Gewaltprävention und Krisenintervention bei der Bildungsverwaltung, Bettina Schubert, kommentierte diese Zahlen mit der Bemerkung „Gewalt hat keinen Pass, sondern eine Kindheit“. Ein Großteil der Migranten lebe in sozial schwierigen Verhältnissen, bei vielen von ihnen sei der Aufenthaltsstatus nicht geklärt.

Die Berliner CDU sprach von einer „Eskalation der Gewalt“. Bildungssenator Zöllner müsse die Probleme „schnell anpacken, anstatt sich auf seinen Vorschusslorbeeren auszuruhen“. Um die Gewaltexzesse einzudämmen, fordern die Christdemokraten mehr pädagogisches, gut geschultes Personal an den Schulen. Die Bündnisgrünen wollen das Thema „Gewaltprävention“ verstärkt in die Ausbildung von Erziehern und Lehrern aufnehmen. Außerdem sollten die Schulen ermutigt werden, mit allen Beteiligten „Zielvereinbarungen“ anzustreben. Die FDP-Bildungsexpertin Mieke Senftleben sprach sich dafür aus, die Eltern von gewalttätigen Kindern an der Suche nach Auswegen aus der Gewalt zu beteiligen. Sie verwies auf gute Erfahrungen mit ersten Elternseminaren an Hauptschulen.

Einen extremistischen Hintergrund hatten insgesamt 80 der gemeldeten Fälle, das sind 18 mehr als im Vorjahr. Dabei waren 52,5 Prozent rechtsextremistisch, 23,75 Prozent rassistisch-fremdenfeindlich, 8,75 Prozent antisemitisch und 7,5 Prozent fundamentalistisch-islamistisch motiviert.

Auch das neue Phänomen des „Happy Slappings“, wobei Gewalttaten mit dem Handy gefilmt werden, wurde dokumentiert: Insgesamt 22 Fälle habe es gegeben, sagte Schubert dem Tagesspiegel.

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