Politik : BerlinßMoskva

Berlin-Moskau

Bernhard Schulz

Zwei Städte nordöstlich des Zivilisationsbogens, der von London über Amsterdam und Paris nach Venedig, Wien und weiter nach Athen reicht; zwei Städte, die vergleichsweise spät in die europäische Geschichte eingetreten sind, Nachzügler selbst und Hauptstädte von Nachzügler-Reichen. Die historischen Parallelen sind zahlreich. Beide Städte erreichten ihren Höhepunkt im 20. Jahrhundert jeweils als Zentrum einer der beiden Schreckensherrschaften des Säkulums. Gleichzeitig übten die Städte eine enorme wechselseitige Faszination aus. Im Berlin der frühen zwanziger Jahre lebten zeitweilig 300 000 Russen, und heute sollen es bereits wieder mehr als 100 000 sein. Moskau war demgegenüber nie Wohn-, wohl aber Sehnsuchtsort einer künstlerischen Avantgarde, die in Moskaus radikalem Klima vorgedacht fand, was sie in Berlin noch kaum zu träumen wagte.

Die tödliche Feindschaft, in die die beiden Metropolen von ihren Diktatoren gestürzt wurden, haben sie hinter sich gelassen. Heute sind sie Hauptstädte zweier ernüchterter Nationen, die ihrer Rolle im Gefüge der Weltpolitik noch unsicher sind. Hoffnung macht vor allem der kulturelle Austausch, der sich mit der gegenwärtigen Ausstellung „Berlin – Moskau / Moskau – Berlin 1950 – 2000“ bereits zum zweiten Mal an eine vergleichende Betrachtung wagt und überraschende Einsichten auf beiden Seiten provoziert. Denn auch diese Ausstellung wird, wie ihre Vorgängerin über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, den Weg an die Moskwa nehmen.

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