Berlusconi : Mamma mia

Ausschweifende Parties, viele Frauen und eine versuchte Erpressung: Seine Affären schaden Berlusconi nun doch. Aber eine Alternative zu ihm als Regierungschef gibt es in Italien nicht.

Paul Kreiner[Rom]
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Silvio Berlusconi. -Foto: dpa

Zu Silvio Berlusconis Lieblingsbeschäftigungen gehört es, über die „politisierte Justiz“ herzuziehen. Diesmal allerdings müsste er den Staatsanwälten in Bari dankbar sein. Sie haben den Regierungschef eines der reichsten Länder der Erde davor bewahrt, von einem offenbar korrupten Unternehmer erpresst zu werden.

Die Staatsanwälte spüren einem doppelten Skandal hinterher: Den Machenschaften von Giampaolo T., der künstliche Gelenke und andere orthopädische Hilfen produziert – und der Aufträge aus dem staatlichen Gesundheitssystem dadurch zu erhalten versucht, dass er den entscheidenden Politikern hübsche, bezahlte Frauen als „Partygäste“ ins Haus schickt.

Der zweite Skandal besteht darin, dass sich selbst der italienische Regierungschef damit hat bestechen lassen. Berlusconi liebt es offenbar, in seiner dienstlichen römischen Residenz und in seiner sardischen Privatvilla fröhliche Abendessen mit üppiger weiblicher Dekoration abzuhalten. Wenn die Aussagen von Patrizia D’Addario stimmen, der Hauptzeugin in diesem Fall, dann passieren dabei noch andere Sachen: „Er hat mich auf dem Sofa gestreichelt, vor allen seinen Bodyguards.“ Und auf D’Addarios geheimen Tonbandaufnahmen hört man offenbar Berlusconis Ruf: „Warte auf mich im großen Bett!“

Von diesen Partys hat die Öffentlichkeit bisher nichts gewusst. Dies wohl aus folgenden Gründen: Die einen, blutjunge Mädchen wie die Neapolitanerin Noemi L., drängten von sich aus in die Nähe Berlusconis. Sie schickten dicke Fotomappen, taten alles, um „entdeckt“ zu werden und einen Job bei seinen Fernsehsendern zu bekommen; Berlusconis, „Papis“ Protektion wäre sofort verloren gegangen, hätten sie geplaudert. Die anderen wiederum schwiegen, weil sie nicht wollten, dass sie mit einer berufsmäßig betriebenen, körperlichen Nebentätigkeit ins Licht der Medien gerieten; die dritte Gruppe, das waren Damen vom Escort-Gewerbe, bei denen Diskretion zum Handwerk gehört, die jetzt aber die Sache haben auffliegen lassen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Unternehmer aus Bari wegen „Förderung der Prostitution“ – Prostitution in den Palästen der Macht, wohlgemerkt.

Diesmal hat kein „böser“ Paparazzo die Fotos geschossen; diesmal lichteten die Damen sich gegenseitig im Bad von Berlusconis römischer Residenz ab; Zeitungen haben die Bilder gedruckt. Auch vom „großen Bett“ weiß man inzwischen, wie es aussieht. Berlusconi, der noch vor wenigen Tagen gesagt hatte, es sei „alles Müll, was in der Zeitung steht“, ist leiser geworden; er sagt nur noch, für den „Schlamm“, den man auf ihn werfe, sei ein politischer „Auftraggeber“ verantwortlich. Dass er die Damen persönlich in sein Bett gelassen hat, kann er nicht bestreiten.

In den südlichen Regionen Italiens – und Bari liegt sehr im Süden – gehört eines zu den eisernen Regeln für seriöse öffentliche Personen: genau aufzupassen, von wem man sich einladen lässt, und wenn’s nur auf einen Kaffee ist. Schnell werden Gegengefälligkeiten erwartet, es entstehen Abhängigkeiten, man verstrickt sich ein Netz von unüberschaubaren, nicht nur formell mafiösen Beziehungen. Gegen dieses Gesetz hat Berlusconi verstoßen. Aus Unachtsamkeit? Weil er dem mutmaßlich korrupten Unternehmer ohnedies nahe stand? Aus chronischer, womöglich pathologischer Anfälligkeit für schmeichelnde, junge, weibliche Nähe?

Was nun? Wenn man von den peinlich schweigenden italienischen Fernsehsendern absieht, den staatlichen und den privaten, die direkt von Berlusconi kontrolliert werden, so sind sich die Medien Italiens einig: In jedem anderen westlichen Land müsste so ein Regierungschef zurücktreten.

Selbst in der katholischen Kirche Italiens, die Berlusconi in opportunistischer Leisetreterei bisher jeden Fehltritt verzeiht, gärt es; von „nicht mehr zu entschuldigen“ und von „Konsequenzen ziehen“ reden die ersten kirchlichen Medien. Einen Rücktritt rät „dem Freund und Politiker“ auch der frühere Staatspräsident Francesco Cossiga in einem offenen Brief.

Cossiga hält „Neuwahlen für unvermeidbar“ – aber nur zu dem Zweck, dass Berlusconi „nicht mehr im Dreck wühlen“ muss, sondern demokratisch gereinigt wiederaufersteht. In der Tat: Stünde nicht der G-8-Gipfel vor der Tür, bei dem Berlusconi „bella figura“ machen will, könnte er beruhigt zurücktreten: Der Konsens, der ihm bleibt – soviel hat sich bei den Europa- und den Kommunalwahlen gezeigt – ist so groß, dass er nach Neuwahlen weiterregieren könnte.

Die Opposition schließlich hat sich ja von selbst aufgelöst; bis die Demokratische Partei zu einer schlagfähigen Formation gefunden hat, vergeht mindestens noch ein Jahr, wenn sie es überhaupt je schafft.

Am meisten geschwächt ist Silvio Berlusconi praktisch in der eigenen Koalition. Sie stellt zwar inzwischen erste Überlegungen über die Zeit nach „ihm“ an, hat aber einstweilen auch keinen Ersatz zu bieten. Berlusconi hat also nichts zu befürchten.

Andere dafür umso mehr. Am Donnerstag dieser Woche brannte in Bari das Auto einer der drei Frauen, die den Zeitungen von Berlusconis Partys erzählt haben. Die Polizei spricht von einem gezielten Anschlag.

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