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Bertelsmann-Studie : Muslime sind gut integriert - unter Vorbehalten

Die Bertelsmann-Stiftung verzeichnet vor allem Erfolge am Arbeitsmarkt. Doch jeder fünfte Bürger möchte Muslime nicht als Nachbarn haben.

Fromme Muslime haben es im Arbeitsleben schwer.
Fromme Muslime haben es im Arbeitsleben schwer.Foto: Patrick Lux/dpa

Muslime sind einer Studie zufolge immer besser in Deutschland integriert. Dies gilt vor allem für den Arbeitsmarkt, wie die am Donnerstag von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichte Untersuchung ergab. Fast alle Muslime fühlen sich demnach mit Deutschland verbunden. Zugleich müssen sie nach wie vor mit Vorbehalten kämpfen. Jeder fünfte Bürger möchte Muslime nicht als Nachbarn haben.

Für die Sonderauswertung des bereits zum dritten Mal von der Stiftung veröffentlichten sogenannten Religionsmonitors betrachteten Wissenschaftler die Situation von Muslimen in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Frankreich und Großbritannien. Hierzulande lebten demnach Ende 2015 bis zu 4,7 Millionen Muslime. Dies entspricht einem Bevölkerungsanteil von 5,7 Prozent. Verglichen wird die Situation von Muslimen, die vor 2010 in die Länder kamen. Bewertet werden Sprachkompetenz, Bildung, Arbeit und soziale Kontakte.

Im internationalen Vergleich schneidet Deutschland vor allem bei der Integration von Muslimen auf dem Arbeitsmarkt gut ab. Bei deren Erwerbsbeteiligung gibt es laut der Studie keine wesentlichen Unterschiede mehr zur übrigen Bevölkerung. Rund 60 Prozent der Muslime arbeiten Vollzeit, 20 Prozent Teilzeit. Auch die Arbeitslosenquote gleicht sich an. Allerdings verdienen Muslime noch deutlich weniger. Besonders fromme Muslime werden zudem auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt.

Nachholbedarf bei Schulabschlüssen

Knapp drei Viertel (73 Prozent) der in Deutschland geborenen Kinder von muslimischen Einwanderern wachsen mit Deutsch als erster Sprache auf. Zugleich sprechen viele auch die Sprache ihres Herkunftslands. Bei den Schulabschlüssen besteht laut der Untersuchung in Deutschland noch Nachholbedarf. Gut ein Drittel (36 Prozent) verlässt bereits vor dem 17. Lebensjahr die Schule, in Frankreich liegt dieser Anteil nur bei elf Prozent.

Die Experten führen dies darauf zurück, dass Schüler in Deutschland bereits nach vier Grundschuljahren und damit im internationalen Vergleich sehr früh auf unterschiedliche Schulformen aufgeteilt werden. Das "früh sortierende Bildungssystem" führe tendenziell dazu, "dass Bildungsnachteile fortbestehen", heißt es in der Studie.

Frankreich zeichne sich dagegen durch "ein besonders chancengerechtes Bildungssystem aus". Dort lernen die Kinder länger gemeinsam. Zugleich sind Muslime in dem Nachbarland aber trotz höherer Schulabschlüsse überdurchschnittlich oft arbeitslos.

Viele Freizeitkontakte zu Nichtmuslimen

Die allermeisten Muslime fühlen sich dem Land, in dem sie leben, verbunden. In Deutschland liegt der Anteil bei 96 Prozent. Zudem ist der Kontakt zur nichtmuslimischen Bevölkerung trotz oft anderslautender Vermutungen für den allergrößten Teil der Muslime Realität. So geben 84 Prozent der in Deutschland geborenen Muslime an, dass sie ihre Freizeit regelmäßig mit Nichtmuslimen verbringen.

Dennoch bestehen in der Bevölkerung nach wie vor Vorbehalte gegen Muslime. Knapp jeder fünfte Bürger in Deutschland (19 Prozent) gibt an, keine Muslime als Nachbarn haben zu wollen. "Wenn sich Gesellschaften verändern, wird das immer auch als spannungsreich empfunden", erklärte Stephan Vopel von der Bertelsmann-Stiftung.

Grundlage der Studie waren Befragungen Ende 2016 in den beteiligten Ländern. In Deutschland nahmen unter anderem mehr als 1100 Muslime teil. Experten des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung werteten die Ergebnisse im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung aus. (AFP, dpa)

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