Politik : Beschwörungstheorie

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Jedermann, auch wenn er noch nie leibhaftig einen sah, glaubt sich mit Tätigkeit und Äußerem des Schlangenbeschwörers gut vertraut: Ein bärtiger Turbanträger, der vermittels einer Flöte das windende Gewürm in einen kuppelförmigen Korb befördert. Diese Gewissheit ist erstaunlich. Der Beruf ist hierzulande so selten, dass es nicht mal eine Ausbildungsordnung dafür gibt, im Branchen-Telefonbuch steht er nicht und im Gesetz über die Ich-AG auch nicht – als ob es keine ernste Frage wäre, ob Beschwörer und Schlange nicht abgabenrechtlich eine Wir-AG sind. Man könnte also denken, es gäbe hierzulande keinen einzigen. Gibt es aber doch. Muss es geben. Hier, mitten in Berlin. Es ist nämlich so: Vor dem Westeingang zum Reichstag, wo es hinauf zur Kuppel geht, steht alltäglich eine Schlange. Die variiert, natürlich, täglich ihre Länge. Sie verändert aber, rätselhafterweise, tagtäglich auch ihre Form. Im Kern gibt es deren zwei. Variante Eins, „die Gerade“, verläuft die Treppe hinab bis auf den Vorplatz des Gebäudes in einer Linie. Variante Zwei, „die Geknickte“, macht auf dem Absatz auf halber Höhe eine 90-Grad- Wende und staut sich von da an parallel zur Gebäudefront die Auto-Auffahrt hinunter. Wer das für bloßen Zufall hält, dem sei gesagt: Im Winter und am Wochenende dominiert „die Geknickte“, im Sommer und wochentags aber „die Gerade“. Und wer geduldig wartet, kann es erleben, dass der Schlangenschwanz sich schon für „die Gerade“ entschieden hatte – da zuckt eine unsichtbare Kraft durch das Endstück, und es knickt seitwärts ab! Als ob der Reichstag mit der Kuppel ein Korb wäre und jemand gepfiffen hätte, ein Bärtiger – he, Moment mal! Wo steckt eigentlich gerade der Wolfgang Thierse?

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