Politik : Besser weniger (Kommentar)

Tanja Stelzer

Seit dem Deutschen Herbst 1977 ist es für uns eine ungewohnte Vorstellung, dass der Staat die Kontrolle verlieren könnte. Wenn nicht gerade der 1. Mai ist, gehen wir davon aus, dass er uns vor den gefährlichsten Situationen schützt. Der Schutz vor Gewalt funktioniert unter der Bedingung, dass Demokratie und gesellschaftlicher Frieden gewährleistet sind. Diese Form von Staatlichkeit funktioniert immer noch nicht überall und in vielen Staaten nur in bestimmten Territorien. Nur, muss man als Deutscher oder Franzose in solche Gegenden reisen?

Die Frage mag zynisch klingen angesichts der Geiseln, die seit elf Tagen auf den Philippinen gefangen gehalten werden. Und doch haben viele, die zurzeit die Nachrichten aus Südostasien verfolgt, bei allem Schrecken über das Leid der Geiseln ein unterschwelliges Gefühl: dass die Urlauber auch selbst an ihrem Schicksal Schuld sein könnten. Kämpfen die Geiselnehmer von Abu Sayyaf nicht schon seit Jahren für einen islamistischen Staat? Haben sich die Touristen also nicht ausreichend informiert? Sind sie Opfer ihrer eigenen Abenteuerlust geworden?

Doch die Sache verhält sich anders. Die Urlauber wurden nicht in der Region entführt, in der sie jetzt gefangen gehalten werden und wo sich manche als Entführer ihren Lebensunterhalt verdienen. Die malaysische Insel, auf der die Urlauber überfallen wurden, galt nicht als besonders gefährlich. Auch das macht uns so hilflos, und deshalb würden viele jetzt gern die GSG 9 auf die Philippinen schicken. Denn wir haben noch ein unterschwelliges Gefühl: Dass die Geiseln bei der philippinischen Regierung schlecht aufgehoben sind. Gestern verbreiteten die Rebellen die Nachricht, zwei Geiseln seien bei einem Gefecht zwischen Rebellen und Militärs getötet worden. Kurz darauf das Dementi der philippinischen Behörden, das doch die eine Frage offen ließ: Woher wissen die eigentlich, dass sie die Meldung dementieren können?

Das Auswärtige Amt hält die Situation für "unübersichtlich und Besorgnis erregend" - gerade deshalb wäre es keine gute Idee, die GSG 9 loszuschicken. Denn wie ein philippinischer Islamist in einer Stresssituation reagieren wird, kann der Einsatzleiter eines deutschen Anti-Terror-Kommandos am wenigsten einschätzen. Und welche Regierung würde akzeptieren, dass eine ausländische Macht die Sicherheit ihres Landes gewährleistet? Auch Deutschland musste bei den Olympischen Spielen in München selbst lernen, mit solchen Situationen professionell umzugehen. Und die Geiselbefreiung in Mogadischu 1977, die den Ruhm der GSG 9 begründete, war eher die Ausnahme. Ähnliche Versuche der USA in Teheran endeten blutig.

Wenn die deutsche Regierung sich nun darum bemüht, dass in dem Geiseldrama ein internationaler Vermittler eingesetzt wird, dann klingt das zwar bescheiden. Aber viel mehr kann sie nicht tun.

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