Politik : Beständig unbeständig

Die Bemühungen der Vereinten Nationen zur Stabilisierung Afghanistans gestalten sich zäh

Elke Windisch[Moskau]

Vielversprechend begann am 2. September in Afghanistan die Nato-Offensive „Medusa“. Vor allem kanadische, niederländische und britische Soldaten sollen die radikalislamische Talibanmiliz verdrängen und haben nach eigenen Angaben mehr als 500 Taliban getötet. Doch inzwischen macht sich Ernüchterung breit. Ganze Distrikte im Süden sind nach Meldungen afghanischer Medien erneut in der Hand der Taliban, die ihre Angriffe zügig auf bisher relativ ruhige Provinzen in Mittelafghanistan ausweiten. Zu ihren Feldkommandeuren gehört Mullah Obaidullah, der unter der Herrschaft der Taliban Verteidigungsminister war. Am Montag starben bei einem Selbstmordanschlag bei der Beerdigung eines Provinzgouverneurs sechs Polizisten.

Der UN-Sonderbeauftragte für Afghanistan, Tom Koenigs, räumte gegenüber der Deutschen Welle ein, die Einschätzung der Militärs, dass es sich bei den Angreifern um „einzelne versprengte Talibangrüppchen“ handele, „die es da vielleicht noch gibt, die aber keine Rolle spielen – das war einfach falsch“. Das ist nicht die einzige Fehleinschätzung, die sich die internationale Gemeinschaft seit dem Einmarsch der Antiterrorkoalition Anfang Oktober 2001 in Sachen Afghanistan leistete. Vom Irakkrieg fast völlig aus den Schlagzeilen verdrängt, rücken erst der Misserfolg von „Medusa“ und der daraus resultierende größte territoriale Zugewinn der Taliban seit deren „militärischem Ende“ im Dezember 2001 wieder ins Bewusstsein, dass seither am Hindukusch nicht viel funktioniert von dem, was die UN sich vorgenommen haben.

Die Bilanz von Präsident Hamid Karsai, von den USA vor knapp fünf Jahren als Hoffnungsträger an die Macht gehievt und später durch umstrittene Wahlen legitimiert, fällt so enttäuschend aus, dass mittlerweile sogar in Washington laut über Alternativen nachgedacht wird. Denn das Sagen auf dem Land haben noch immer die gegenüber der Zentralregierung in Kabul nur bedingt loyalen Provinzfürsten und deren Privatarmeen. DerUmsatz von Opium ist rekordverdächtig, die Korruption blüht, die nationale Aussöhnung tritt auf der Stelle – die Rivalitäten der verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen eskalierten 1993 zum Bürgerkrieg, der 1996 die Taliban als Ordnungsfaktor auf den Plan rief.

Seit Karsai im Frühjahr mit einer Kabinettsumbildung versuchte, die Vorherrschaft der paschtunischen Bevölkerungsmehrheit wiederherzustellen, bremsen Regierung und Parlament einander aus. Denn dort geben die Tadschiken den Ton an, die auf Revanche für den Verlust von Ämtern und Pfründen sinnen: Die Größen der einstigen Nordallianz waren während der Talibanherrschaft die einzige Kraft, die militärischen Widerstand leistete. Aber Karsai muss mit den Taliban paktieren, allein um sie in Schach zu halten. Sie sind Paschtunen wie er, und einflussreiche Stammesführer üben massiven Druck aus. Die Sicherheitsrisiken wachsen, die Aufbauhilfen fließen spärlich. Enttäuscht wegen nicht eingehaltener Zusagen der Geberländer und zuweilen erbost über die rüden Methoden des Westens beim Export der Demokratie, suchen viele Afghanen ihr Heil wieder bei den Taliban und sehen Antiterrorkoalition und Schutztruppe Isaf als Besatzungsmacht.

Tom Koenigs fordert jetzt ein neues regionales Sicherheitsbündnis. Die Idee hat aber zwei Haken: Sicherheit in Afghanistan ist ohne den Iran nicht zu erreichen. Ethnisch eng verwandt, verbinden die Völker beider Staaten mehrere Jahrtausende gemeinsamer Geschichte. Neben Russland unterstützte vor allem Teheran die Nordallianz im Kampf gegen die Taliban. Der Westen dagegen nahm Afghanistan erst nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA wahr. Drohungen Teherans, Druck aus Washington mit Destabilisierung in Afghanistan zu parieren, sind daher mehr als Theaterdonner.

Auch gibt es bereits ein regionales Bündnis, ein tendenziell antiamerikanisches: In der von Russland und China dominierten Schanghai-Organisation haben Iran und Pakistan, ebenfalls ein Machtfaktor in Afghanistan, Beobachterstatus.

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