Bestochene Funktionäre, gekaufte WM-Vergaben : Wie groß wird der Fifa-Skandal noch?

Fast täglich kommen neue Enthüllungen im Fifa-Skandal heraus. Nicht nur für den zurückgetretenen Fifa-Präsidenten Joseph Blatter werden sie gefährlich, auch die WM-Turniere in Katar und Russland rücken wieder in den Fokus. Ein Überblick.

von und
Beziehung mit Folgen? Das Geständnis des ehemaligen Fifa-Funktionärs Chuck Blazer könnte auch für den zurückgetretenen Fifa-Präsidenten Joseph Blatter gefährlich werden.
Beziehung mit Folgen? Das Geständnis des ehemaligen Fifa-Funktionärs Chuck Blazer könnte auch für den zurückgetretenen...Foto: AFP

Allmählich wird es schwierig, den Überblick zu behalten. Als vergangene Woche sieben Fifa-Funktionäre in Zürich verhaftet wurden, ging es noch um Korruption bei Fußballturnieren in Nord- und Südamerika. Mittlerweile sind jedoch immer mehr Personen und Wettbewerbe von dem Skandal betroffen, vor allem auch Weltmeisterschaften. Während Fifa-Präsident Joseph Blatter mit engen Vertrauten Reformen bespricht, sickern neue Details der US-Behörden durch. Mittlerweile ist aktenkundig: Vor den WM-Vergaben 1998 und 2010 flossen Millionen US-Dollar aus Afrika an Fifa-Funktionäre in den USA und der Karibik.

Warum spitzt sich der Skandal weiter zu?

Das FBI hat inzwischen die Aussage des Kronzeugen Chuck Blazer veröffentlicht. Der US-Amerikaner hat umfassend gestanden, Bestechungsgelder empfangen zu haben. Er war lange Jahre Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees und war ein einflussreicher Drahtzieher im Nord- und Mittelamerikanischen Fußball-Kontinentalverband (Concacaf). Der 70-Jährige wurde wegen Steuerhinterziehung angeklagt und kooperierte mit dem FBI. So wurden Schmiergeldzahlungen beim Concacaf-Verband aufgedeckt, wegen der am vergangenen Mittwoch die Fifa-Funktionäre in Zürich verhaftet wurden. Und laut US-Behörden soll Blazer noch weiteres belastendes Material zu Korruption im Fußball geliefert haben.

Wer wird dem zurückgetretenen Fifa-Präsidenten Blatter noch gefährlich?

Einer von Blazers Komplizen war Jack Warner. Der 72-Jährige aus Trinidad und Tobago erhebt selbst schwere Vorwürfe. Der Fußball-Weltverband habe vor fünf Jahren den Wahlkampf seiner Partei mitfinanziert, behauptet der frühere Sicherheitsminister seines Landes. Bis 2011 war Warner auch Fifa-Vizepräsident, er weiß viel, aber was? Derzeit ist Warner gegen eine Kaution von 2,5 Millionen US-Dollar auf freiem Fuß. Um seiner Auslieferung in die USA zu entgehen, könnte er wie Blazer einen Deal mit den Behörden eingehen. „Nicht mal der Tod wird die Lawine stoppen, die kommt“, kündigte Warner Enthüllungen an. Schon vor vier Jahren hatte er einen Tsunami versprochen, aber nicht ausgepackt. Tut er es diesmal, könnte es eng werden für Joseph Blatter. Das FBI ermittelt auch gegen den Fifa-Präsidenten, der am Dienstag seinen Rückzug angekündigt hatte. Bisher sind allerdings keine konkreten Vorwürfe gegen Blatter bekannt. Das könnte sich ändern. „Blatter weiß, warum er gefallen ist“, sagte Warner. „Und wenn es jemand anderes weiß, bin ich es.“ Blatters Nummer zwei ist sich dagegen keiner Schuld bewusst. Fifa-Generalsekretär Jerome Valcke soll zehn Millionen US-Dollar aus Südafrika weitergeleitet haben. Laut Blazer war das Bestechungsgeld. Valcke nennt es legale Fördergelder für die Karibik.

Welche WM-Turniere sind von den Vorwürfen betroffen?

Der Kronzeuge Charles Blazer hat die Aufmerksamkeit auch auf WM-Vergaben gelenkt, die bisher gar nicht von Bestechungsvorwürfen überschattet wurden. Neben dem Turnier 2010 in Südafrika brachte der US-Amerikaner in seiner Zeugenaussage auch das Turnier 1998 ins Spiel, das in Frankreich ausgetragen wurde. Während Blazer in Zusammenhang mit Südafrika behauptet, er und Warner hätten vom WM-Ausrichter direkt zehn Millionen US-Dollar bekommen, wirft er im Bezug auf 1998 dem Mitbewerber Marokko vor, ihm für seine Stimme Bestechungsgelder gezahlt zu haben. Das soll 1992 geschehen sein. Marokko verlor jedoch gegen Frankreich.

Warum rücken die WM-Turniere in Katar und Russland weiter in den Fokus?

Die Doppelvergabe 2010 an Russland für die WM 2018 und an Katar für das Turnier 2022 gerät durch die Ermittlungen der US-Behörden und der Schweizer Bundesstaatsanwaltschaft noch stärker in die Kritik. Auch die australische Polizei ermittelt nun wegen des Verdachts der Korruption rund um die gescheiterte Bewerbung des Landes für die WM 2022. Dabei geht es ebenfalls um Jack Warner. Zuvor hatte sich der australische Verbandspräsident Frank Lowy zu einer Zahlung von 500000 US-Dollar an Warners Concacaf geäußert. Er hatte betont, dass die australische Bewerbung sauber gewesen sei und wisse, dass andere es nicht gewesen seien. Die Zahlung der Australier an Concacaf sei für eine Machbarkeitsstudie für ein „Centre of Excellence“ geflossen. Später hätte sich herausgestellt, dass Warner das Geld veruntreut habe.

Was bedeuten die Ermittlungen für die WM-Turniere 2018 und 2022?

Wie gut es sich auf der Fifa-Empörungswelle reiten lässt, haben immer mehr Politiker erkannt. Wahrscheinlich glauben einige von ihnen, dass sie mit ihrer Kritik sogar Joseph Blatter zu Fall gebracht haben. Und jetzt wollen sie sich auch noch die umstrittenen Weltmeisterschaften 2018 in Russland und 2022 in Katar vornehmen. So hat sich auch Justizminister Heiko Maas eingeschaltet. „Wenn bei den Vergaben Stimmen gekauft worden sind, werden diese Entscheidungen nicht zu halten sein“, sagte Maas empört. Das wäre Betrug am Fußball. Und die britische Regierung bringt sich schon als Ersatz für Katar in Stellung. England wäre dem britischen Kultur- und Sportminister John Whittingdale zufolge bereit, die WM 2022 auszutragen. Es sei allerdings unwahrscheinlich, dass 2022 nach Russland wieder Europa an die Reihe käme, falls man Katar die WM wegen Korruption wegnehme, sagte Whittingdale.

Können die Turniere in Russland und Katar den Ausrichtern weggenommen werden?

Forderungen aus der Politik nach Neuvergaben beider Turniere sind wenig realistisch. Dass die WM 2018 nicht in Russland und die WM 2022 nicht in Katar stattfinden, ist nahezu ausgeschlossen. Dafür gibt es derzeit keine juristische Grundlage. Die US-Behörden und die Schweizer Bundesanwaltschaft ermitteln zwar wegen Unregelmäßigkeiten bei den Vergaben. Aber sie ermitteln nur. Bisher ist noch nichts nachgewiesen. Die Fifa könnte Russland und Katar die WM nur wegnehmen, wenn wirklich Gesetzesverstöße festgestellt werden. Das müsste per Gerichtsurteil festgehalten werden. Da noch nicht einmal die Ermittlungen abgeschlossen sind, wird das Ende der Prozesse sich noch sehr lange hinziehen.

Besonders bei Russland spielt auch der Faktor Zeit eine gewichtige Rolle. Die WM beginnt in drei Jahren. Ende Juli findet in St. Petersburg die Auslosung der WM-Qualifikationsgruppen statt. Letztmals wurde die WM 1986 von einem anderen Land als ursprünglich geplant ausgerichtet. Eigentlich war Kolumbien vorgesehen, für ein Turnier mit 16 Teilnehmern. Als diese Zahl von der Fifa auf 24 aufgestockt wurde, zog Kolumbien 1982 zurück. Ein Jahr später wurde Mexiko als Ausrichter bestimmt, drei Jahre vor Turnierbeginn. Das müsste also im Falle Russlands jetzt passieren. Und Russland wird die WM nicht selbst zurückgeben.

Wie reagieren Russland und Katar auf die neuen Vorstöße?

Die russische Regierung weist Forderungen nach einer Neuvergabe mit Nachdruck zurück. „Das Wichtigste ist, dass Russland seine Vorbereitung für die WM 2018 fortsetzt“, hatte ein Kremlsprecher zuletzt betont. Und der Chef des katarischen Fußballverbands antwortete bissig auf den Vorschlag der Engländer, die WM 2022 übernehmen zu können: „Wir raten dem englischen Verband, sich darauf zu konzentrieren, überhaupt ein schlagkräftiges Team für dieses Turnier zusammenzustellen.“

Warum sind beide Turniere so umstritten?

Zunächst verwunderte die Vergabepraxis. Im Dezember 2010 entschied die Fifa erstmals an einem Tag über zwei WM-Gastgeber. Um die Bestechungsgebote hochzutreiben, unkten Kritiker. Zwei britische Reporter gaben sich im Vorfeld als Lobbyisten aus und boten Geld, zwei Funktionäre gingen darauf ein. Doch fast alle Bewerber überboten sich mit Einladungen und Geschenken. Russland und Katar bekamen die schlechtesten Bewertungen aller Bewerbungen, und erhielten dennoch den Zuschlag. Vor allem die unterlegenen Kandidaten England, USA und Australien erhoben Bestechungsvorwürfe. Selbst Fifa-Generalsekretär Valcke deutete später in einer E-Mail an, Katar habe den Zuschlag erkauft.

Die Vergabe in das winzige Wüstenemirat, in dem die Temperaturen im Sommer auf 50 Grad steigen, verursachte die meiste Kritik. Im März verlegte die Fifa das Turnier in den Winter, obwohl die Ausschreibung für den Sommer gelautet hatte. Erschwerend hinzu kommen die menschenunwürdigen Bedingungen für Arbeiter auf den WM-Baustellen.

Das Turnier in Russland geriet vor allem durch die politisch gespannte Lage zum Westen in die Kritik, durch die Einmischung in die Konflikte auf der Krim und in der Ostukraine. Die Fifa ließ ihr eigenes Ethikkomitee die Korruptionsvorwürfe untersuchen, doch veröffentlichte den Bericht nur in Teilen. Die darin enthaltenen Ungereimtheiten reichten dem Weltverband aber nicht für eine Neuvergabe. Russland etwa gab angeforderte Daten nicht heraus, da die Computer bereits zerstört seien. Die Fifa erstatte dann im vergangenen November Anzeige gegen unbekannt.

Was ist eigentlich mit der WM 2006 in Deutschland?

Das Sommermärchen, Feste auf der Fanmeile, die Welt zu Gast bei Freunden – die WM im eigenen Land lässt deutsche Fußballfans auch neun Jahre später schwärmen. Sollten all diese glücklichen Erinnerungen etwa erkauft sein? Bislang tauchte die WM 2006 in keiner Ermittlungsakte auf. Doch gibt es seit Jahren Gerüchte, wie bei fast jeder Turniervergabe. Blatter selbst heizte die Spekulationen 2012 an, als er von „einer gekauften WM“ sprach.

Der Fifa-Präsident war damals gekränkt von der Kritik aus Deutschland, ohnehin hätte er das Turnier schon 2006 lieber nach Südafrika vergeben. Also erinnerte er wieder an Charles Dempsey. Der Neuseeländer hatte sich im Jahr 2000 bei der WM-Vergabe der Stimme enthalten. Andernfalls hätte es ein Patt zwischen Deutschland und Südafrika gegeben, Blatters Stimme hätte in dem Fall entschieden. Das Satiremagezin „Titanic“ sorgte damals für Schlagzeilen, weil es Dempsey zuvor per Fax Schwarzwälder Schinken und eine Kuckucksuhr versprochen hatte. Ernstzunehmender waren Beeinflussungsversuche aus Europa und Südafrika, von denen der Neuseeländer später nebulös sprach. Die Wahrheit nahm Dempsey 2008 mit Grab. Fragen warf auch eine Testspielreise der deutschen Nationalmannschaft nach Asien 2004 auf, die wie eine Gefälligkeit wirkte. Doch der Deutsche Fußball-Bund stritt stets alle Vorwürfe ab. Vor einer Woche brachte, kaum beachtet, Constant Omar das Thema wieder auf. „Deutschland hat illegal die Stimme Ozeaniens gekauft“, sagte das kongolesische Mitglied der Fifa-Exekutive im französischen Radio, als er die WM in Katar verteidigte. „Wenn es Deutschland ist, dann will keiner darüber sprechen.“ Möglicherweise deshalb, weil bisher kein einziger Vorwurf belegt ist.

Autor

8 Kommentare

Neuester Kommentar