Politik : Besuch beim Erzfeind – Athens Premier in Ankara

Susanne Güsten

Istanbul - Eine Kranzniederlegung am Grabmal des türkischen Staatsgründers Atatürk gehört zum Routineprogramm jedes offiziellen Gastes in der türkischen Hauptstadt Ankara. Doch als der griechische Premier Kostas Karamanlis am Donnerstag die Stufen zum Mausoleum hochstieg, war das alles andere als Routine. Karamanlis habe ein „Tabu gebrochen“, lobten türkische Medien. Die erste Visite eines griechischen Ministerpräsidenten beim langjährigen Erzfeind Türkei seit 1959 war um eine historische Geste reicher.

Ein rechtsgerichteter Politiker in Griechenland hatte laut türkischen Presseberichten erklärt, wenn Karamanlis das Atatürk-Mausoleum besuche, sei das so, als ob ein israelischer Spitzenpolitiker einen Kranz am Grab Hitlers ablege. Atatürk gilt vielen Griechen als Hauptverantwortlicher für die „kleinasiatische Katastrophe“: die Niederlage der griechischen Streitkräfte, die nach dem Ersten Weltkrieg große Teile der Westtürkei besetzten, von Atatürks Soldaten aber zurückgedrängt wurden. Karamanlis antwortete auf die Kritik mit seinem Eintrag ins Gästebuch des Atatürk-Grabmals: Der türkische Staatsgründer und sein damaliger griechischer Gegenspieler Elefterios Venizelos hätten den Mut gehabt, die „Tragödien der Vergangenheit“ hinter sich zu lassen. In einer Grundsatzrede an Ankaras Bilkent-Universität erwähnte er die deutsch-französische Aussöhnung als Vorbild für Griechen und Türken und bekräftigte seine Unterstützung für den türkischen EU-Prozess.

Gleichzeitig richtete Karamanlis aber auch Appelle an seine Gastgeber: Ankara müsse die Lage der griechisch-orthodoxen Kirche in der Türkei verbessern. Um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen, verwies Karamanlis auf die türkischen EU-Ambitionen – der wirksamste Hebel, den die Griechen im Verhältnis zur Türkei besitzen. Wenn die Türkei die Existenz des griechisch-orthodoxen Patriarchats in Istanbul sichere, sei das wie ein „EU-Pass“ für das Land, sagte Karamanlis. Die Türkei braucht die griechische Unterstützung innerhalb der EU mehr denn je – angesichts der ablehnenden Haltung des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy kann es sich Ankara nicht leisten, verbliebene EU-Partner wie Griechenland zu verärgern. Susanne Güsten

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