Politik : Besuch hinter Panzerglas

London empfängt US-Präsident Bush mit 15 000 Polizisten – und der Bürgermeister lädt die Kriegsgegner ein

Matthias Thibaut[London]

DER IRAK ZWISCHEN KRIEG UND FRIEDEN

In London wurde es eng. Mit einem Aufgebot von mehr als 15 000 Polizisten empfing die britische Hauptstadt am Dienstag den amerikanischen Präsidenten George W. Bush. Der Präsident selbst brachte einen Tross von etwa 1000 Mitarbeitern über den Atlantik mit, darunter 250 bewaffnete Agenten, die sich notfalls in die Schusslinie werfen müssen, um Bushs Leben zu schützen. Das Treffen der Hauptalliierten des Irak-Feldzugs erfordert höchste Sicherheitsvorkehrungen – und mindestens 5,5 Millionen Pfund aus der Steuerkasse.

Wiederholt hatte die britische Polizei vor Selbstmordanschlägen der Al Qaida gewarnt. London wird von der Sicherheitsagentur „Control Risk Group“ als terrorgefährdetster Ort der westlichen Welt eingestuft. Da will sich der Präsident nicht auf die britischen Bobbies verlassen. Die konnten am Montag nicht einmal die 61-jährige Friedensaktivistin Lindis Percy daran hindern, das fünf Meter hohe Tor am Buckingham Palast zu erklimmen und eine mit Protestsprüchen versehene US-Flagge verkehrt aufzuhängen.

Bush wohnt während seines Besuchs bei der Queen im Buckingham Palast – in der gleichen Zimmerflucht, in der im Juni der russische Präsident Putin und seine Frau einquartiert waren. Dem Protokoll zufolge sollte Bush von Prinz Charles am Flughafen Heathrow abgeholt werden, wo der gepanzerte und hermetisch gegen Gas- und Brandanschläge versiegelte Cadillac des US-Präsidenten bereitstand. Die Fensterscheiben sind so dick, dass Bush auch die Parolen der Demonstranten nicht hören kann.

Der protokollarische Teil des Staatsbesuchs beginnt am heutigen Vormittag mit der fernsehwirksamen Begrüßungszeremonie der Königin. Am Abend findet dann ein großes Galadinner im Buckingham Palace statt. Bush wird mit Opfern des New Yorker Terroranschlags vom 11. September 2001 und Soldaten und Angehörigen von Gefallenen der Kriege in Afghanistan und dem Irak sprechen. Vor einem geladenen Publikum wird er eine Rede über die amerikanisch-britischen Beziehungen halten. Die traditionelle Ansprache im Parlament wurde hingegen gestrichen, weil die Labourregierung ein ordentliches Betragen Bush-feindlicher Hinterbänkler nicht garantieren konnte.

Seit Jahrzehnten war kein Staatsbesuch in Großbritannien so umstritten wie dieser. Immerhin empfängt London, glaubt man Bürgermeister Ken Livingston, in Gestalt des amerikanischen Präsidenten „die größte Gefahr für das Leben auf unserem Planeten“. Der „rote Ken“ lud gar Kriegsgegner zu einem Gegenempfang in sein neues Rathaus ein. Die Polizei hat den Organisatoren einer gegen Bush gerichteten Demonstration nach tagelangen Verhandlungen erlaubt, den Weg zum Trafalgar Square durch Whitehall zu nehmen. Zehntausende werden wohl am Donnerstag durch die breite Straße ziehen, die direkt an der Downing Street vorbeiführt, dem Amtssitz von Premierminister Tony Blair. Dort werden Bush und Blair zur gleichen Zeit ausführliche Gespräche führen.

Denn angesichts der krisenhaften Entwicklung im Irak ist der protokollarische Staatsbesuch zugleich auch ein politisches Gipfeltreffen. Zwar glauben nach einer gestern veröffentlichten Umfrage des „Guardian“ 62 Prozent der Briten, dass die USA „eine Kraft des Guten in der Welt“ sind. Nur 15 Prozent schließen sich Ken Livingston an und halten die USA für das neue „Reich des Bösen“. Aber immer mehr britische Politiker fragen sich, welchen Nutzen Blair und Großbritannien aus der engen Partnerschaft mit Bush ziehen.

Angesichts der möglicherweise schon in 18 Monaten anstehenden Unterhauswahl hat Blair sich in den vergangenen Monaten zunehmend auf die Innenpolitik konzentriert. Er arbeitet hart und mit einigem Erfolg daran, den Irak-Krieg aus den Schlagzeilen verschwinden zu lassen. Nun muss Blair verhindern, dass Bush ihm einen Strich durch die Rechnung macht. Zwar betonte Blair am Montag erneut, wie wichtig es gerade jetzt sei, an der Seite der Amerikaner zu stehen. Doch er muss das Spektrum seiner Beziehungen zu Bush über den Irak hinaus ausweiten. Die amerikanischen Stahlzölle, die Wiederbelebung der gescheiterten Welthandelsgespräche, Aids in Afrika, die europäische Verteidigung und vor allem der Nahe Osten dürften daher weitere Gesprächspunkte sein.

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