Politik : Besuch im Baltikum: Wunder dauern etwas länger (Leitartikel)

Christoph von Marschall

Kann Gerhard Schröder staunen? Staunen über die Zeit, die Wunden heilt und stille Wunder möglich macht? Oder nimmt er diesen ersten Besuch eines Bundeskanzlers in drei souveränen baltischen Staaten und das heute so unbeschwerte Leben in den Straßen von Tallinn, Riga und Vilnius als pure Selbstverständlichkeit? Im Nordosten und im Südosten Europas sind vor einem Jahrzehnt Vielvölkerreiche zerfallen. Kriegerisch auf dem Balkan. Recht friedlich an der Ostsee. Das Baltikum löste sich zwar nicht ganz ohne Blutvergießen aus der Sowjetunion, aber doch ohne größere Katastrophen. Wer durfte das in den spannungsgeladenen Tagen der singenden Revolution in Estland und der Belagerung des litauischen Parlaments durch Moskaus berüchtigte schwarze Barette 1991 ernsthaft erwarten: Dass die baltischen Republiken wenige Jahre später vor dem EU-Beitritt stehen würden und selbst die Türen der Nato ihnen nicht mehr ganz verschlossen sind?

Da ist das Wort von einem stillen Wunder nicht zu groß gewählt. Im Rückblick mag der Weg des Baltikums in den Westen wie ein Spaziergang in die Freiheit scheinen. Aber möglich war dieses allmähliche Hinübergleiten nur, weil die Geschichte den Balten ausnahmsweise einmal gnädig war - und der Westen mit der richtigen Mischung aus Behutsamkeit und Entschlossenheit vorging. Auf dem Balkan handelten die westlichen Mächte lange mehr gegen- als miteinander, und die Zentralmacht in Belgrad wollte die Wegstrebenden nicht loslassen. Auch Moskau hat die Balten nicht ganz freiwillig ziehen lassen, aber für Russland selbst war die Auflösung der Sowjetunion 1991 zunächst eine Befreiung, und danach blieben ihm die großen Erschütterungen erspart, deren Ausläufer unweigerlich auch das Baltikum erreicht hätten.

Der Westen hatte den Hitler-Stalin-Pakt und die gewaltsame Eingliederung Estlands, Lettlands und Litauens in die UdSSR 1940 nie anerkannt. Sterben für die Freiheit der Balten - dazu war und ist zwar niemand bereit. Aber als die Chance kam, wurde mehr als das Selbstverständliche getan, um ihnen zur Unabhängigkeit zu verhelfen: Bereits beim Berliner KSZE-Gipfel im Juni 1991 waren die drei Staatsoberhäupter der Noch-Sowjetrepubliken im Reichstag am Katzentisch dabei. Als Moskau später versuchte, die kleinen Nachbarn mit Klagen über angebliche Diskriminierungen der russischen Bürger und der Verweigerung von Energielieferungen zu erpressen, waren die westlichen Regierungen zwar anfangs etwas zu Moskau-hörig. Dann aber hielten sie dagegen und brachten die Balten durch väterliche Beratung zu einem zeitgemäßen Umgang mit den Minderheiten. Die wachsende wirtschaftliche Verflechtung half Esten, Letten und Litauern zu verstehen: Eine Milliarde Dollar westlicher Investitionen kann eine ebenso gute Sicherheitsgarantie sein wie die Stationierung einer Nato-Kompanie. Über 60 Prozent des Handels wickeln sie heute mit der EU ab. Auch ihre Soldaten beteiligen sich an den Friedenseinsätzen auf dem Balkan.

Helmut Kohl jedenfalls zeigte am Ende Reue. Aus Rücksicht auf Russland hatte er bilaterale Staatsbesuche abgelehnt. Aber als die Dänen den Ostseerat-Gipfel ihrer Präsidentschaft nach Riga legten, blieb auch Kohl - und Russlands damaligen Regierungschef Tschernomyrdin - nichts anderes übrig, als 1998 die lettische Hauptstadt zu besuchen. Und ihre steingewordene Hanse-Tradition. Reisen bildet - diesem sentimentalen Europäer öffnete es das Herz. "Wir dürfen diesen Teil Europas nicht abschreiben", gestand er mit feuchten Augen.

Gerhard Schröder absolviert den Staatsbesuch, den Kohl nicht mehr schaffte. Ist die Schonzeit also vorbei? Beim Thema Nato zögert auch dieser Kanzler noch, beharrt nur auf der alten KSZE-Formel, dass jeder Staat seine Bündnissysteme frei wählen darf. Der Nato-Gipfel 2002 wird, wie es aussieht, keine neuen Einladungen aussprechen. Aber zum EU-Beitritt ist Estland in den nächsten Jahren fähig, auch Lettland hat stark aufgeholt, Litauen hängt noch etwas zurück. Große Kosten verursacht die Aufnahme dieser kleinen Länder nicht. Und wenn die Balten den sicheren Hafen endlich erreicht haben, sind sie und Europa nicht mehr ganz so stark auf Wunder angewiesen.

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