Besuch in Großbritannien : Punktsieg für den Papst

Benedikt XVI. gewinnt auf seiner Reise den Respekt der Briten mit Bescheidenheit und den richtigen Worten.

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Polizisten, Politiker und Bischöfe werden Dankgebete gen Himmel geschickt haben, als der Heilige Vater am Sonntag Großbritannien unbeschadet verließ. „Es war ein riesiger Erfolg“, schwärmte der Sprecher des Vatikans, Pater Federico Lombardi. Die sechs Straßenkehrer, die dem Papst angeblich nach dem Leben trachteten, wurden als harmlose Schwätzer wieder auf freien Fuß gesetzt. Die 10 000 Demonstranten, die am Samstag durchs Regierungsviertel marschiert waren, störten den Jubel der Menschen nicht, und überall konnte der Papst seine Gottesdienste vor freudigen Menschenmassen zelebrieren.

Wider Erwarten beschlossen die Briten, dem bescheidenen und schüchternen Joseph Ratzinger aus Fairness und Sympathie Gehör zu schenken. Der „Sunday Telegraph“ schrieb, Benedikt habe den Mythos von „Gottes Rottweiler“ zerstört. Premier David Cameron sagte beim Abschied auf dem Flughafen Birmingham: „Sie haben das ganze Land herausgefordert, sich aufzurichten und nachzudenken, und das kann nur eine gute Sache sein.“

Letzter Höhepunkt war die Freiluftmesse in Birmingham, bei der Benedikt XVI. den englischen Kardinal John Henry Newman seligsprach. Der Papst nutzte die Gelegenheit, um die Opfer Großbritanniens im Kampf gegen den Nationalsozialismus zu würdigen. Während Cameron und Prinz Charles in der Londoner Westminster Abbey an einem Gedenkgottesdienst zum 70. Jahrestages der historischen Luftschlacht über England teilnahmen, sprach der Papst von „Scham und Horror“ über ihre Opfer. Für ihn als Deutschen sei es tief bewegend, an diesem Tag daran zu denken, „wie viele eurer Mitbürger ihr Leben gegeben haben, um mutig den Armeen der bösen Ideologie entgegenzutreten“. Auch bei der Kontroverse um den sexuellen Missbrauch von Kindern durch Priester, die dem Papst massive Proteste und Kritik eintrugen, fand Benedikt das richtige Wort. Laut einer Presseerklärung des Vatikans versicherte er Opfern von Sexualmissbrauch bei einem privaten Treffen, die Kirche werde, um die Vorwürfe aufzuklären, mit Zivilbehörden zusammenarbeiten und mithelfen, Priester und Kirchenangehörige vor Gericht zu bringen.

Auch die Seligsprechung Newmans verband der Papst mit dem Kern seiner Mission: Newman habe verstanden, welche „lebensnotwendige Rolle die offenbarte Religion in der zivilisierten Gesellschaft spiele“. Im Zentrum des Besuchs stand der Aufruf, der Religion ihren legitimen Platz im nationalen Diskurs und „auf dem Platz der Öffentlichkeit“ einzuräumen.

Die Queen hatte bei der Begrüßung des Papstes erklärt, die Freiheit der Religion sei der Kern der toleranten britischen Gesellschaft. In der historischen Ansprache an die Spitzen der Gesellschaft im Parlament pochte der Papst darauf, dass sich diese Toleranz nicht auf die private Religionsausübung beschränken dürfe. Gesellschaft und Religion, Vernunft und Spiritualität brauchten einander als Korrektiv.

Damit wollte der Papst den britischen Säkularisten die Grenzen ihres Denkens aufzeigen. Er tat dies in einem günstigen Moment. Die neue, konservativ geführte Regierung hat keine Angst vor der Religion. Sie will die Sozialarbeit der Kirchen aktiv in ihre Reformen einbeziehen und betont Werte wie Familie, Nachbarschaftlichkeit und Gemeinschaft. „Großbritannien ist kein säkulares Land“, sagte Cameron zum Abschied. Der Papst war zufrieden. Diejenigen, die gegen die Intoleranz des Papstes demonstriert hatte, sahen plötzlich selbst wie die Intoleranten aus.

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