• „Beteiligte stilisieren sich als Opfer“ Zentralrats-Vizepräsident Korn über den Umgang mit früheren NSDAP-Mitgliedern im Auswärtigen Amt

Politik : „Beteiligte stilisieren sich als Opfer“ Zentralrats-Vizepräsident Korn über den Umgang mit früheren NSDAP-Mitgliedern im Auswärtigen Amt

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Herr Korn, deutsche Diplomaten kämpfen dafür, dass Kollegen mit NSVergangenheit heute wie unbelastete Beamte geehrt werden sollen. Ist die Zeit reif für einen solchen Umgang mit der Geschichte?

Nein. Wer eine Funktion im Nationalsozialismus hatte und bewusst oder unbewusst dafür sorgte, dass dieses Räderwerk lief, muss sich gefallen lassen, dass seine Tätigkeit nach 1945 nicht lobend oder ehrend herausgehoben wird. Das gilt auch, wenn der Beamte später mit seiner Leistung zum Aufbau der Demokratie in Deutschland beigetragen hat, was im Übrigen für einen beamteten Staatsdiener selbstverständlich sein müsste. Auch wenn er nur Mitläufer war, fällt immer ein Schatten seiner selbst nur unbeabsichtigten Beteiligung am größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte auf seine spätere Tätigkeit. Deshalb finde ich die Haltung Fischers im Streit um die Gedenkpraxis richtig. Es geht dabei auch um Lehren für künftige Generationen: Wir müssen klar unterscheiden und zeigen, dass Menschen stets wachsam sein müssen, damit so etwas nie wieder passiert.

Sind die Verdienste nicht wichtiger?

Vermutlich haben sich die meisten Diplomaten missbrauchen lassen und nicht vorsätzlich Verbrechen begangen. Im Nachhinein aber müssen wir feststellen: Sie haben als kleine Rädchen im großen Getriebe ihren Beitrag zum Unrechtsregime geleistet. Das muss Konsequenzen haben – und sei es nur die Einsicht, dafür kein Lob erwarten zu dürfen. Daraus kann nicht gefolgert werden, dass dieser Teil ihrer Geschichte unschuldig abgelegt werden kann. So einfach und herausgehoben aus dem historischen Zusammenhang, wie diese Diplomaten sich das vorstellen und wünschen, läuft die Sache nicht.

Gilt das Urteil auch für Diplomaten, die als NSDAP-Mitglieder Widerstand gegen das Regime leisteten?

Nein. Wenn ein Diplomat eine Funktion im NS-Apparat hatte und Widerstand leistete, sollte man ihn dafür ehren.

Kritiker werfen dem Außenminister vor, er habe in seiner Jugend als 68er selbst geirrt und dürfe daher nicht über andere urteilen.

Das ist abwegig. Wenn jemand in der Zeit der Studentenbewegungen Steine gegen Polizisten geworfen hat, so ist das zu verurteilen. Aber nicht einmal im Ansatz hat das mit der Gesamtdimension der Verbrechen des Nationalsozialismus und dem Verhalten auch nur mittelbar daran Beteiligter zu tun. Das zu vergleichen, ist völlig abwegig. Was im „Dritten Reich“ geschehen ist, führte zum größten Menschheitsverbrechen in einer Gesellschaft, die bis dahin zu den zivilisierten zählte.

Finden Sie den Umgang der deutschen Öffentlichkeit mit dem Konflikt richtig?

Nein. Die Argumentation jener Diplomaten, die für die Ehrung der alten Funktionsträger kämpfen, findet breiten Widerhall in der Öffentlichkeit. Der Widerspruch ist bescheiden, der Zuspruch groß. Das nehme ich mit Unbehagen zur Kenntnis. Diese Debatte scheint mir nur verständlich im Zusammenhang mit einer sich gegenwärtig abzeichnenden Revision der Geschichte des „Dritten Reiches“. Auch wer im Nationalsozialismus Mitläufer war, erhebt mittlerweile Anspruch, als Opfer gesehen zu werden. Wie groß muss der Schulddruck und das Bedürfnis nach Schuldabwehr sein, wenn so viele der unmittelbar Beteiligten sich zunehmend als Opfer stilisieren?

Das Gespräch führte Hans Monath.

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