Politik : Betonfarben

Hans Monath

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Welche Farbe hat eigentlich Beton? Diese Frage hat beim Neujahrsempfang der SPD- Fraktion am Montagabend eine wichtige Rolle gespielt. Zum ersten Mal hatte die größte Bundestagsfraktion nach dem Jahreswechsel Vertreter von Verbänden, Wirtschaft, Gesellschaft und Journalisten in den Reichstag geladen. Ihr traditionsbewusster Vorsitzender Franz Müntefering ließ die Gäste nicht nur wissen, dass er mit dem Empfang eine neue Tradition begründen wolle. Er verriet auch, er habe für den Event in der weitläufigen dritten Etage des Wallot-Baus eine Bedingung gestellt: dass die Pfeiler, die die Glaskuppel über dem Plenarsaal tragen, rot angestrahlt würden. Das waren die Beton-Pfeiler tatsächlich. Die „schönste und wichtigste Farbe“ sei das, rühmte Müntefering und zitierte Willy Brandt. Der habe gesagt: „Rot ist die Farbe der Liebe. Und was gut für die Liebe ist, ist auch gut für die Politik.“ Und dann fügte der Müntefering hinzu: „Und davon hat er was verstanden“ – und nach einer Kunstpause – „von der Politik.“

Aber Vorsicht! SPD und Beton, dass wollte Kanzler Schröder als zweiter Redner dann doch nicht in einen so innigen Zusammenhang gebracht wissen. Erst ärgerte der SPD-Chef die Journalisten mit einem ätzenden Vergleich mit den Religionsgemeinschaften („beide glauben, ohne wissen zu wollen“), dann korrigierte er Müntefering. Weil die SPD in den Wochen vor dem Jahreswechsel mit dem Stigma der reformfeindlichen „Beton-Partei“ leben musste, stellte der Baufachmann im Kanzleramt klar: „Die Farbe von Beton ist niemals rot, sondern immer anders.“ Grau vielleicht? Armer moderner Baustoff! Dabei kommt es doch nur drauf an, was man daraus macht.

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