Politik : Betrogene Verbraucher

NAME

Von Heike Jahberg

Markenartikler fragen ihre Kunden gelegentlich, warum die ihre Produkte kaufen. Die meisten Käufer antworten, dass sie dem Hersteller vertrauen. Auch Händler forschen von Zeit zu Zeit, warum die Verbraucher ihnen treu bleiben. Die Antwort ist fast die gleiche: Die Konsumenten kommen wieder, weil sie sich fair behandelt fühlen. Auch die Bio-Landwirtschaft lebt davon, dass die Kunden auf die Qualität der Nahrungsmittel setzen.

Da, wo man vertraut, verzichtet man gerne auf detaillierte Kontrollen. Wo aber Vertrauen zerstört wird, entsteht Missmut und das Gefühl, betrogen zu werden. Betrogen fühlen sich zurzeit viele Verbraucher. Obwohl der Handel versprochen hatte, die Euro-Einführung nicht für Preiserhöhungen zu nutzen, haben einige Branchen zum Jahresanfang zugelangt. Das hat Vertrauen zerstört.

Der ökologische Landbau ist jetzt ebenfalls in eine tiefe Vertrauenskrise gerutscht. Mit Pflanzenschutzmitteln verseuchter Öko-Weizen wurde monatelang in Geflügelfarmen verfüttert. Dass das Krebs erregende Unkrautvernichtungsmittel Nitrofen überhaupt in den Bio-Weizen kommen konnte, ist ein Skandal. Schlimmer ist aber, dass private Testlabors schon seit dem Winter von dem Pfusch wissen, die Behörden aber nicht informiert haben. Auch der zuständige Öko-Verband Naturland reagierte zu spät. Wochenlang wurden verseuchte Eier, Wurst und Fleisch im ganzen Bundesgebiet an gutgläubige Kunden verkauft, die für die vermeintlich gesunde Öko-Ware besonders viel gezahlt haben.

Nichts schwindet so schnell wie Vertrauen. Das gilt für den Einzelhandel genauso wie für den ökologischen Landbau. Dennoch gibt es einen großen Unterschied: Beim überteuerten Einkauf im Supermarkt oder beim kostspieligen Essen im Restaurant kann sich jeder Kunde selbst davor schützen, übers Ohr gehauen zu werden: Einfaches Kopfrechnen reicht aus, Euro-Betrügern auf die Schliche zu kommen und sie zu bestrafen. Das geht ganz einfach, ohne Teuro-Polizei und ohne die Hilfe der Verbraucherschutzministerin. Man meidet diese Leute einfach.

Beim Öko-Weizen hingegen ist auch der mündigste Verbraucher auf Hilfe angewiesen. Denn niemand sieht den Eiern oder der Geflügelwurst an, ob die Henne oder das Hähnchen von dem Nitrofen-Weizen gefressen haben. Wie bei BSE ist Verbraucherministerin Künast auch hier gefordert: Gemeinsam mit den Öko-Kontrollstellen und den Bio-Verbänden muss das Ministerium aufklären, wie es zu dieser Panne im Überwachungssystem kommen konnte, warum zu spät informiert wurde und wie sichergestellt werden kann, dass sich ein solch unglaublicher Vorgang nicht mehr wiederholt. Dabei reicht der formelhafte Hinweis, dass Bio-Betriebe schon heute strenger kontrolliert werden als konventionelle Bauernhöfe, nicht aus. Erst wenn die Käufer wieder daran glauben, dass sie im Bioladen besser bedient sind als im Verbrauchermarkt, werden sie zu Öko-Produkten zurückkehren.

An besseren Kontrollen führt kein Weg vorbei. Denn spätestens seit dem Pflanzenschutz-Skandal ist klar: Auch im Bio-Landbau arbeiten nicht nur moralisch einwandfreie, gutherzige Pioniere. Seit Ministerin Künast die Agrarwende ausgerufen hat, ist die Biowirtschaft zu einem Geschäft geworden, das nicht nur Idealisten anzieht. Sicher: Schwarze Schafe sind selten, aber es reicht ein Krimineller, um eine gesamte Branche zu diskreditieren.

So bitter die jüngsten Ereignisse auch sein mögen, für die Ministerin hätte der Zeitpunkt, zu dem der Pflanzenschutz-Skandal an die Öffentlichkeit gekommen ist, nicht günstiger sein können. Seit Wochen wirbt sie für ihr Verbraucherinformationsgesetz. Zwar hat auch sie nicht angenommen, dass sie die Verbraucher vor Bio-Produkten schützen muss. Doch das neue Gesetz würde es den Behörden in jedem Fall erleichtern, Bürger vor riskanten Produkten zu warnen. Am Freitag wird der Bundesrat über dieses Gesetz beschließen. Bislang haben die unionsgeführten Länder ihre Ablehnung signalisiert, aber noch ist Zeit umzusteuern - wider die parteipolitische Taktik, aber für den Verbraucherschutz, als vertrauensbildende Maßnahme.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben