Bettina Marx : Palästina: Land ohne Hoffnung

Bettina Marx hat sich ein halbes Jahr nach dem Krieg in den Palästinensergebieten umgesehen – und ein Land ohne Hoffnung gefunden.

Igal Avidan

Gaza gerät nicht aus den Schlagzeilen: Im Juli berichteten israelische Soldaten über Gräueltaten, die sie während des Gazakriegs erlebt hatten. Im Juni erfuhren wir von einem israelischen Luftangriff auf Schmugglertunnel; im Mai überschattete der Gaza-Krieg sogar die Verleihung des Hessischen Kulturpreises. Aber wann haben wir zuletzt etwas über die Menschen in Gaza gehört? Wer hat uns über die jüngste Geschichte Gazas informiert? Beides verbindet Bettina Marx, von 2003 bis 2007 ARD-Hörfunkkorrespondentin für Israel und die Palästinensergebiete in Gaza: Berichte aus einem Land ohne Hoffnung.

Das Cover ist mit einer Luftaufnahme des schmalen Küstenstreifens zwischen Israel und Ägypten nicht gerade einladend. Wenn man dennoch genauer hinschaut, findet man darauf die bereits 2005 geräumten jüdischen Siedlungen. Dennoch lohnt sich die Lektüre, denn man lernt einige Gazaner kennen. Zum Beispiel die junge Sportlerin Sanaa Abu Bachit aus dem Flüchtlingslager Deir el Balach, die als Mittelstreckenläuferin Palästina bei den Olympischen Spielen in Athen vertreten hat. Sie errang zwar keine Medaille, trug aber zur Gleichberechtigung in der traditionell-moslemischen Gesellschaft bei: Anfangs wurde sie beim Training am Strand noch mit Steinen beworfen. Marx macht jedoch klar, dass, im Gegensatz zu Bachit, Frauen und Mädchen in Gaza zunehmend aus dem öffentlichen Leben verdrängt werden, das immer konservativer wird.

Gaza ist seit dem Rückzug Israels 2005 unabhängig, doch weil Israel die Grenzübergänge kontrolliert und sogar den Kalorienverbrauch der 1,5 Millionen Palästinenser dort bestimmt, zieht sich der Bezug zu Israel wie ein roter Faden durch das Buch. Abgesehen von einigen Reportagen, die den chronologischen Aufbau durchbrechen, orientiert sich Marx an der israelisch-palästinensischen Geschichte: Vom Beginn der israelischen Besatzung 1967 über die erste Intifada 1987, die Oslo-Verträge in den 90er Jahren, die zweite Intifada 2000, den Wahlsieg der Hamas 2006, die gewaltsame Machtübernahme der Islamisten 2007 und den letzten Gazakrieg 2008. Was leider fehlt, ist eine schematische Chronologie und eine leserliche Landkarte.

Marx beantwortet in ihrem Buch einige häufig gestellte Fragen in Bezug auf Gaza. Haben die Menschen dort die radikal-islamistische Hamas gewählt, um Israel zu vernichten? Die Autonomiebehörde hatte das Gebiet eher schlecht als recht verwaltet, so Marx. Korrupte Beamte hatten sich schamlos an den Hilfsgeldern bedient, Sicherheitskräfte und Geheimdienstleute ebenfalls. Die Hamas profitierte zudem von der Uneinigkeit der Fatah, die sich in vielen Wahlkreisen nicht auf einen Kandidaten einigen konnte. Die Wahlentscheidung war daher nicht in erster Linie ein Bekenntnis zum islamischen Fundamentalismus.

Warum wurde Israel aus dem Gazastreifen auch nach dem Rückzug beschossen? Marx berichtet über die zunehmende Gewalt in der palästinensischen Bevölkerung und den Zerfall der gesellschaftlichen Ordnung. Fünfjährige werden verprügelt, weil sie der falschen Partei angehören. Die Eltern verlieren die Kontrolle über ihre Kinder, die wiederum in den politischen Parteien Geborgenheit finden. Gewalt, Armut, schlechte Ausbildung und Arbeitslosigkeit sowie die Abriegelung durch Israel und Ägypten heizen den Schnellkochtopf, in dem die Menschen oft Opfer der eigenen Extremisten sind. Marx berichtet, wie Militante in Beit Hanoun, der nördlichsten Stadt des Gazastreifens, israelische Zivilisten beschießen. Um einen Gegenangriff der israelischen Armee zu verhindern, rannte Zuheir Shehade al Kafarna hinaus, um sie zu verjagen. Er wird von einer israelischen Rakete getötet. Die Familie und ihre Nachbarn verhinderten, dass die Militanten sich in den Begräbniszug einreihten; in den Trauerreden warfen sie ihnen vor, das Leben der Zivilisten zu gefährden.

Marx ergreift Partei für die Gazaner und bittet, sie nicht zu vergessen. Denn in Gaza brach die erste Intifada aus, hier entstand die Hamas-Bewegung, und hier wird sich die Zukunft der Palästinenser und Israelis entscheiden.

– Bettina Marx: Gaza. Berichte aus einem Land ohne Hoffnung. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2009. 351 Seiten, 19,90 Euro.

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