Politik : Bevölkerungsrückgang in Russland: Die schwindende Nation

Elke Windisch

Der drastische Bevölkerungsrückgang in Russland hat die Regierung in Moskau aufgeschreckt. Der Bevölkerungsrückgang sei so dramatisch, dass er bereits eine "Bedrohung für die Nationale Sicherheit" darstelle. Zu diesen Schlussfolgerungen kam Premier Michail Kasjanow, als die russische Regierung Mitte Februar einen Bericht zur demografischen Situation diskutierte. Die Zahlen sind in der Tat alarmierend. Seit 1992 liegt die Sterblichkeitsrate höher als die jährliche Geburtenzahl. Allein 1999 ging die Bevölkerung um 768 000 zurück, für die nächsten drei Jahre erwarten Demographen sogar ein Minus von 2,8 Millionen - Tendenz steigend.

Eine UN-Studie prognostizierte schon im Juli 1999 für das Jahr 2028 einen Bevölkerungsrückgang von gegenwärtig 147 auf 124 Millionen. Hält der Trend an, hört in 500 Jahren "die russische Nation überhaupt auf zu bestehen", warnt Alexander Sinelnikow, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter des Zentrums für Demographie und Umwelt. Seine Modellrechnungen kommen für das Jahr 2501 auf ganze 121 000 Russen.

Für den Bevölkerungsschwund machen Experten niedrigen Lebensstandard, unzureichende medizinische Versorgung sowie zunehmenden Alkohol- und Drogenmissbrauch verantwortlich. Dadurch verkürze sich vor allem bei Männern die durchschnittliche Lebenserwartung. 1990 lag sie bei 65 Jahren, 1999 betrug sie nur noch 60 Jahre. Für den Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft müssten vor allem junge Männer sowie Männer mittleren Alters bezahlen. Gerade in diesen Jahrgängen liege die Sterblichkeit besonders hoch. Damit hat sich das Zahlenverhältnis von Männern und Frauen wie nach dem Zweiten Weltkrieg verschoben.

Nicht minder schwer schlägt der Geburtenrückgang zu Buche. Statistisch gesehen brachte noch Ende der Achtziger jede Russin 2,1 Kinder zur Welt. Ein Wert, der bei Soziologen als Untergrenze für die einfache Reproduktion der Bevölkerung gilt. Heute hingegen haben zwei Drittel aller russischen Familien nur noch ein Kind. Auf drei und mehr bringen es ganze 5 Prozent.

Einen Ausweg aus dem Dilemma sieht Russlands Regierung im Zuzug von Bürgern aus den ehemaligen Unionsrepubliken. Mitte Mai will das Kabinett ein Langzeitprogramm vorlegen, mit dem die Einwanderung ethnischer Russen gefördert werden soll. Bisher nutzte Russland "unsere Volksgenossen im nahen Ausland", so die Sprachregelung, jedoch vor allem für Propaganda. Auf die Einlösung von Versprechen wie Wohnraum und Arbeit wartet die Mehrzahl der Rückkehrer bis heute. Seit Mitte der Neunziger ist die Migrationsrate daher stark rückläufig.

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