Politik : Bewährungsprobe in Kabul

Mit der Führung der Isaf-Truppe in Afghanistan übernimmt das Eurokorps seine bislang größte Aufgabe

Sven Lemkemeyer

Berlin - Es ist die Mustertruppe der Europäischen Union – und ab dieser Woche steht sie vor ihrer bisher größten Aufgabe: Das Straßburger Eurokorps übernimmt in der afghanischen Hauptstadt Kabul das Kommando über die von der Nato geführte internationale Schutztruppe Isaf. Etwa 350 Soldatinnen und Soldaten der Einheit – darunter 90 Deutsche – werden für sechs Monate die fast 7000 Isaf-Soldaten aus 33 Nationen führen. Chef der Einheit und damit zukünftiger Isaf-Kommandeur ist der französische Generalleutnant Jean-Louis Py.

Das Korps erwartet eine heikle Mission. Die wichtigste Aufgabe der internationalen Truppen in den nächsten Wochen ist, die ersten freien Präsidentenwahlen am 9. Oktober abzusichern. In den vergangenen Wochen hatte es immer wieder Anschläge auf Hilfsorganisationen und Wahlhelfer gegeben. Zuletzt wurden am Samstag ein afghanischer Ausbilder und sein Fahrer bei einem Überfall auf einen Konvoi getötet. Zwei US-Soldaten und ein afghanischer Dolmetscher starben am Samstag, als neben ihrem Fahrzeug eine Bombe explodierte.

„Ärzte ohne Grenzen“ hatte nach der Ermordung von fünf Mitarbeitern bereits Ende Juli die Konsequenzen gezogen und nach 24 Jahren Engagement am Hindukusch die Arbeit eingestellt. Der Malteser Hilfsdienst stoppte seine Arbeit im Südosten des Landes, nachdem zwei afghanische Mitarbeiter umgebracht worden waren. Seit 2003 wurden in Afghanistan mehr als 30 Mitarbeiter von Hilfsorganisationen getötet. „Bis zu den Wahlen wird die Lage noch angespannter“, heißt es aus dem Eurokorps-Hauptquartier in Straßburg. Auch westliche Sicherheitsexperten erwarten eine Großoffensive der radikalislamischen Taliban, die inzwischen auch immer häufiger gegen Zivilsten vorgeht. So soll die Bevölkerung eingeschüchtert und zum Wahlboykott gebracht werden. General Py zeigte sich vor dem Abflug nach Kabul am Freitag aber zuversichtlich, dass die Wahlen „gut über die Bühne gehen werden“. Es sei ein „hoffnungsfrohes Zeichen“, dass sich bereits weit über acht von elf Millionen Afghanen für die Wahlen registrieren ließen.

Das Eurokorps geht auf eine Initiative des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl und des französischen Präsidenten Francois Mitterand zurück und gilt bis heute als Symbol der deutsch-französischen Versöhnung. Es nahm 1992 offiziell seine Arbeit auf. Heute sind dem Korps rund 60 000 Soldaten aus Deutschland, Frankreich, Spanien, Belgien und Luxemburg unterstellt, die aber alle in ihren Heimatländern stationiert sind und nur im Bedarfsfall zusammengezogen werden. Die Bundeswehr ist mit der 10. Panzerdivision aus dem badenwürttembergischen Sigmaringen und der 1000 Mann starken deutsch-französischen Brigade vertreten. Seit 2002 ist das Korps eine der schnellen Eingreiftruppen der Nato.

In Afghanistan will die Allianz die Isaf-Truppe während der Wahlzeit für zwei Monate mit zusätzlichen 1900 italienischen und spanischen Soldaten verstärken. Die Bundeswehr stellt zudem 60 zusätzliche Soldaten, um die Wahlen in Feisabad im Nordosten des Landes abzusichern. Mitte August soll dort ein zweites Wiederaufbauteam (PRT) aus Soldaten und zivilen Helfern die Arbeit aufnehmen. Ein anderes PRT mit 240 Bundeswehrsoldaten arbeitet bereits in Kundus. Insgesamt sind rund 2000 deutsche Soldaten für die Isaf aktiv.

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