Politik : Bewaffneter Arm der Völker

Die nationalen Bewegungen im Kaukasus radikalisieren sich

Elke Windisch

Wenn legale Möglichkeiten für die Artikulation legitimer Forderungen fehlen, wächst zwangsläufig die Gewaltbereitschaft. Das galt schon vor dem Tschetschenienkonflikt. Bei inzwischen über 200 000 getöteten Zivilisten in der Kaukasusrepublik – ein Fünftel des tschetschenischen Volkes – gibt es keine Familie ohne Opfer. Entsprechend groß ist die Bereitschaft, den Tod Unschuldiger zu rächen. Egal, mit welchen Mitteln, denn auch die Besatzer sind nicht eben zimperlich.

Dazu kommt die, teils noch von den Sowjets ererbte, teils im postkommunistischen Russland weitergeführte imperiale Minderheitenpolitik, die der Mehrheit der nichtrussischen Völker lediglich formal Autonomie gewährt. Dies gilt vor allem im stets unruhigen Nordkaukasus, wo sich der Widerstand gegen Moskau traditionell unter islamischen Vorzeichen organisiert.

Die Region gehört auch zu den strukturschwächsten in Russland. Das Bruttosozialprodukt liegt dort weit unter dem Föderationsdurchschnitt, die Arbeitslosigkeit weit darüber. Immer mehr junge Erwachsene schließen sich bewaffneten Gruppen an, die seit dem Ende der Perestroika und mit saudischen Petrodollars hochgerüstet wurden. Sie sind der bewaffnete Arm nationaler Bewegungen der weit über 100 Völker und Volksgruppen.

Doch Tschetschenien ist nur die Spitze des Eisbergs. Durch Moskaus Krieg droht auch eine Radikalisierung der Opposition in den Nachbarrepubliken: Inguschetien, Karatschai-Tscherkessien – vor allem aber im Vielvölkerstaat Dagestan. Aus Dagestan kommen 80 Prozent der russischen Mekkapilger, in der Hauptstadt Machatschkala steht Russlands größte Moschee. An 650 Islamschulen und zwei islamischen Universitäten wird der Nachwuchs geschult. Untergrundgruppen, wie „Kalifat" oder „Banner des Islam" werben inzwischen sogar offen um Studenten und Dozenten an staatlichen Hochschulen, verteilen Literatur und legen sich im lokalen Fernsehen für „islamgerechte" Damenmode ins Zeug.

Experten fürchten, dass Tendenzen wie diese im ungünstigsten Falle auch auf die muslimischen Teilrepubliken zwischen Wolga und Ural übergreifen können.

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