Politik : Bewundert, verachtet, umgebracht

Mal schöne Zigeunerin, doch meist verhasste Fremde. Jahrhundertelang. Propaganda brauchte die NS-Vernichtungspolitik nicht mehr. Die tausendjährige Geschichte der Minderheit.

Fremdbilder: Eine Sintezza in den Akten des Frauen-KZ Ravensbrück (oben) – das Mahnmal in Berlin (oben) erinnert an den Völkermord. Im großen Bild eine Szene aus Bizets Oper „Carmen“.
Fremdbilder: Eine Sintezza in den Akten des Frauen-KZ Ravensbrück (oben) – das Mahnmal in Berlin (oben) erinnert an den...Foto: picture-alliance / akg-images

Sie leben seit Jahrhunderten in Deutschland, in Europa seit fast einem Jahrtausend. Zum ersten Mal wurden sie im Manuskript eines griechischen Mönchs vom Berg Athos um 1100 erwähnt. Doch ihre Vorfahren kamen – das ist inzwischen weithin unbestritten – aus Indien. Bekannt wurde das zwischen dem Ende des 18. und der Mitte des 19. Jahrhunderts. Da entdeckte die damals noch neue historische Sprachwissenschaft die Verwandtschaft ihrer Sprache, des Romanes oder Romani, mit dem Sanskrit. Vermutlich mussten die Rom-Völker Indien verlassen, weil sie von arabischen Einwanderern verdrängt worden waren.

Nach West- und Mitteleuropa kamen die „cigäwnär“, „gens ciganorum“, wie sie in den ersten deutschen Dokumenten genannt wurden, Anfang des 15. Jahrhunderts. Ihre Geschichte dort war fast von Anfang an eine der Verfolgung. Der Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal hat die Ursprünge von Hass und Vorurteil in seinem 2011 erschienenen Buch mit der historischen Situation erklärt, in die sie gerieten: Ausgerechnet jetzt, in den Umbrüchen zu Beginn der Neuzeit, kamen sie von Osten, aus der Himmelsrichtung, aus der der Kontinent seit den Mongoleneinfällen ohnehin nichts Gutes erwartete. Jetzt drohten von dort die Türken – und die friedlichen, aber nicht einzuordnenden Fremden galten als deren Spione. Dabei waren sie, die längst Christen waren, ihrerseits vor den Osmanen geflohen, was ihnen ein paar Jahrzehnte lang auch wohlwollende Aufnahme als Religionsflüchtlinge eingetragen hatte.

Ende des 15. Jahrhunderts begann ihre Vertreibung aus einzelnen Städten und Gegenden. Der Freiburger Reichstag von 1496/97 markiert den Beginn der in Deutschland besonders systematischen grausamen Verfolgung: Er erklärte die Angehörigen der Minderheit für vogelfrei, womit sie straflos gequält und getötet werden durften. Viele Länder Nord-, West- und Südeuropas folgten dem deutschen Beispiel nur ein paar Jahre später mit ähnlich brutalen Vorschriften.

Damals und später erfand der Hass sich seine Gründe in Zuschreibungen, die auch andere Randgruppen kennen: Die „Zigeuner“ waren als Ausgestoßene zu harten und unbeliebten Arbeiten gezwungen, also warf man ihnen Schmutz und Unzivilisiertheit vor, sie waren arm, also Diebe und Räuber. Sie flohen vor Verfolgung und mussten von ambulanter Arbeit leben, weil sie vom „zünftigem“ Handwerk ausgeschlossen waren – folglich galten sie als umherziehendes Gesindel. So wie das Vorurteil aus den Juden unverbesserliche Wucherer machte, obwohl ihnen ebenfalls „ehrliches“ Handwerk verschlossen, Christen hingegen der Geldverleih verboten war.

Um sie aus der Gesellschaft auszusperren, funktionierte Faszination oft Hand in Hand mit dem Hass: Die schöne Zigeunerin, die Carmens und Esmeraldas, die Europas Opern, Romane, Kinderbücher, Märchen und, in Öl, die Wände kleinbürgerlicher Wohnzimmer bevölkerten, sind als Männerverschlingerinnen gemeingefährlich und als sinnlich-instinktgesteuerte Verführerinnen den Tieren näher als den Menschen. Und auch vom Zeitalter der Aufklärung hatten sie keine Emanzipation zu erwarten. Das religiöse Vorurteil sei lediglich durch das der Rasse abgelöst worden, schreibt der Berliner Historiker Wolfgang Wippermann, und nennt den Göttinger Gelehrten Grellmann, der zwar die religiösen Zigeunerlegenden kritisierte, die Minderheit aber zum „orientalischen Volk“ umdeutete, mit allen negativen Eigenschaften, die das lange bedeutete: Faulheit, Falschheit, primitive Sexualität.

Der Nationalsozialismus konnte also auf eine lange Geschichte der Abwertung aufbauen, als er sein Vernichtungsprogramm beschloss. „Im Unterschied zum Antisemitismus“, schreibt Bogdal, „war eine Steigerung oder Überbietung nicht mehr erforderlich“, die Zigeuner waren eben das allgemein anerkannt Schlechte. Gründliche Vorarbeit hatte schon das wilhelminische Kaiserreich geleistet, mit neuen Dienststellen zur Überwachung von Sinti und Roma, der preußischen Zigeunergesetzgebung und der 1899 eingerichteten Münchner Zentrale, in der reichsweit Daten zur „Zigeunerbekämpfung“ gesammelt wurden. Sie und viele Karrieren der dort tätigen Beamten und „Experten“ überlebten das Jahr 1945.

Auf eine halbe Million wird die Zahl der europäischen Roma geschätzt, die nach Anweisung des SS-Chefs Heinrich Himmler „zur Regelung der Zigeunerfrage“ von 1938 und schließlich dem Auschwitz-Erlass von 1942 ermordet oder sterilisiert, wurden, „durch Arbeit vernichtet“, vergast, erschlagen oder als Opfer grausamer Rasse-Experimente. Das Morden hatte 1945 ein Ende, doch der Völkermord wurde verdrängt, die Überlebenden kaum und oft gar nicht entschädigt und ihre Diskriminierung und Verfolgung teils mit denselben Mitteln und von denselben Personen fortgesetzt.

Die polizeiliche „Landfahrer“-Erfassung etwa endete erst Anfang der 80er Jahre, auch die entsprechenden NS-Rasseakten kamen erst spät ins Bundesarchiv und damit außer Gebrauch. Es war die Zeit der ersten Selbstorganisation von Sinti und Roma und ihrer Bürgerrechts- und Öffentlichkeitsarbeit, sie organisierten Hungerstreiks und Proteste in Dachau und in Bergen-Belsen, um darauf aufmerksam zu machen, dass sie auch in der Demokratie Bürger zweiter Klasse waren.

Seit Herbst 2012 erinnert das vom israelischen Künstler Dani Karavan gestaltete Mahnmal an „Porajmos“, das „Verschlingen“, wie der Völkermord an Sinti und Roma auf Romanes heißt. Das Mahnmal steht in nächster Sichtweite des Bundestags, der ihnen 15 Jahre zuvor den Rang einer nationalen Minderheit zubilligte, so wie Friesen, Dänen und Sorben. Daraus ist noch lange nicht Schutz und Förderung ihrer Kultur geworden, doch es geht voran: Vor wenigen Monaten schloss die neue rot-grüne Landesregierung von Schleswig-Holstein einen Staatsvertrag mit Sinti und Roma, Baden-Württemberg, Heimat des größten Teils der Minderheit in Deutschland, will in diesem Frühjahr folgen.

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