Bhutto-Mord : "Pakistan war nie eine Demokratie"

Im Interview erklärt Pakistanexperte Georg Pfeffer die Machtverhältnisse im krisengeschüttelten Pakistan.

Auf dem indischen Subkontinent hat sich Indien zu einer stabilen Demokratie entwickelt, nicht aber Pakistan. Was sind die Gründe, Herr Pfeffer?

In Pakistan hat es nie eine Demokratie gegeben. Die Gründe liegen in erster Linie in den sozialen Verhältnissen. Das Land ist immer von Großgrundbesitzern regiert worden, seit 20 Jahren auch von Industriemagnaten. Die Parteien sind in den Händen dieser Großgrundbesitzer.

Wie sind die sozialen Verhältnisse?

Die Großgrundbesitzer sind unvorstellbar reich, ihre Bauern unvorstellbar arm. Die Feudalherren sind nie durch eine Landreform eingeschränkt worden, sie haben nie Grundsteuer zahlen müssen. Ihre traditionale Clanführerschaft blieb stets unangetastet. Zudem sind die politischen Führer der Gegenwart, die sich als Demokratiebewegung ausgeben, alle durch Militärdiktatoren gefördert worden. Es gibt in Pakistan keine demokratische Führungsschicht wie in Europa.

Trotzdem hat sich Benazir Bhutto in letzter Zeit als Lichtgestalt der demokratischen Erneuerung inszeniert.

Man soll über Verstorbene nichts Schlechtes sagen. Aber ich glaube nicht, dass sich Frau Bhutto in ihrer Zeit als Regierungschefin in den 90er Jahren tatsächlich als Demokratin erwiesen hat. So ist während ihrer Amtszeit ihr Bruder, ihr damals schärfster Rivale, auf gewaltsame Weise zu Tode gekommen. Die Polizisten, die ihren Bruder erschossen haben, sind alle befördert worden. Die Vorstellung, dass man einen politischen Gegenspieler respektiert, ist in Pakistan allgemein nicht sehr ausgeprägt.

Die 90er Jahre werden manchmal als das Jahrzehnt der pakistanischen Demokratie bezeichnet. Wie würden Sie diese Zeit charakterisieren.

In dieser Epoche gab es eine massive Ausplünderung der Staatskasse. Die beiden politischen Führer, Benazir Bhutto und Nawaz Sharif, sowie ihre Kabinettsmitglieder haben sich von den verstaatlichten Banken Milliardenkredite auszahlen lassen. Sie haben sie nie zurückgezahlt, so dass Pakistan kurz vor dem Militärputsch 1999 praktisch bankrott war. Der Militärputsch war eine Art Notbremse.

Wer sind die Wähler der Islamisten?

Das sind die Besitzlosen, die bei der Verteilung der Pfründe leer ausgegangen sind. Die islamistischen Parteien sind zahlenmäßig klein, aber sehr gefährlich.

Wie geht es jetzt in Pakistan weiter?

Es wird sich nicht viel ändern. Die Armee wird auch unter einem zivilen Premier die wichtigste Macht im Lande bleiben.

Georg Pfeffer ist Pakistanexperte am Institut für Ethnologie der FU Berlin. Das Gespräch führte Martin Gehlen.

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