Politik : Biber und Bomben

ROBERT VON RIMSCHA

Bodentruppen? Amerikas Hauptstädtern fällt da zunächst die Posse dieser Tage ein.Es wurde ein Anschlag auf ein Nationalheiligtum verübt.Die Übeltäter sind drei Biber, die Opfer neun Kirschbäume, die einst von Japan als Geschenk über den Pazifik kamen und nun immer Anfang April rund um die Denkmäler für Washington, Jefferson und Lincoln ihre Blütenpracht in den Frühsommerhimmel strecken.Neun Bäume hat der Biber gefällt! Die Zeitungen schrieben Wettbewerbe aus: Wie fängt man die Biester? Antwort: Bodentruppen.

Krieg? Ja, freilich.Die Nachrichtensendungen sind voll davon.In Talkshows sagen die Zuschauer das, was das Volk denkt."Warum machen die Europäer das nicht?" oder "Wir können beim Völkermord nicht tatenlos zusehen!" oder "Ohne Bodentruppen befreit man keine Krisenprovinz." Amerikas Medien strömen hinaus in die Malls, Kirchen und Schulen, um Kriegsstimmung einzufangen.Schüler wissen nicht, was NATO ist.Moslems und Juden beten für die Kosovo-Albaner, Christen für den Frieden, Orthodoxe für Serbien.In den Malls stehen die Amerikaner vor Beratungstischen Schlange, die beim Ausfüllen von Formularen helfen.Gerade war der 15.April.Das ist Steuererklärungstag, nicht Tag 23 des Jugoslawien-Krieges.

Monica Lewinsky war ein Jahr lang Tagesgespräch.Kosovo ist der gegenwärtige Hauptkrieg, deutlich vor Irak - wo ja weiter fast täglich geschossen wird -, doch in die nationale Seele hat der Krieg nicht wirklich Einzug gehalten.Die Bomben auf dem Balkan bleiben ein fernes, entrücktes Thema.Die häufigste Vokabel lautet "quagmire".Der Milosevic-Morast aus ethnischem Haß, der Malstrom aus Mord - er ist so böse, daß kopfschüttelndes Abwenden die erste Reaktion ist."Compassion Fatigue" heißt das dazugehörige Modewort, "Mitleids-Müdigkeit"."The New Republic" hat George Walker Bush auf dem Titel, "Time" den Nationalsport Ahnensuche.

Und die Intellektuellen schweigen.Ex-Minister und frühere Sicherheitsberater melden sich im Dutzend und rufen nach Bodentruppen, Clinton sagt seit Wochen dasselbe - doch die Stimmen, die Verständnis schaffen könnten, fehlen weitgehend.Der Anarchist und Linguist Noam Chomsky spricht Amerika das Recht zur humanitären Intervention ab, weil die US-Politik sich zu gründlich diskreditiert habe.Der Sozialist Arthur Miller neigt dem Pazifismus zu und schweigt.Jene, die auf den Straßen demonstrieren, sind serbische oder albanische Amerikaner.Hollywood verfaßt keine Resolutionen.Die New Yorker Theaterwelt veranstaltet keine Lesungen, weder pro noch contra Krieg.Die Rockstars geben keine Benefizkonzerte für die Vertriebenen.Die Philosophen und Kulturtheoretiker ereifern sich gerade über eine Liste jener Autoren, die im unverständlichsten Jargon schreiben.Die Akademie debattiert, ob die einst hochgerühmte Englisch-Fakultät der Südstaaten-Universität Duke noch zu retten ist und ob der Bioethiker Singer, der unter bestimmten Bedingungen die Euthanasie schwerstbehinderter Kleinkinder verteidigt, wirklich einen Philosophie-Lehrstuhl in Princeton verdient hat.

Die Macht der Bilder wirkt dennoch.Aber anders als damals in Somalia.Dort wurde ein toter US-Soldat durch die Straßen geschleift, und das ganze Land schrie: "Raus!" Jetzt legen sich die ersten Luftaufnahmen vermutlicher Massengräber auf die Zeitungsseiten, und die drei in Serbien festgehaltenen US-GIs flimmern wieder und wieder über die Fernsehschirme.Das ganze Land, täglich werden es mehr, schreit: "Rein!" Vor allem schwarze Intellektuelle geißeln den Rassismus der mediengetriebenen US-Außenpolitik.Wenn Moral und Humanität die Maßstäbe sind, warum dann Kosovo, aber nicht Ruanda, so fragen sie.

Völlig ruhig ist es unter den Studenten."Wir lernen alle für die Semesterklausuren", hat eine Unizeitungs-Redakteurin gerade entschuldigend gesagt.Wahrer ist wohl: Amerika hat eine Berufsarmee und nicht länger, wie zu Vietnam-Zeiten, die Wehrpflicht.Vietnam wurde zum Thema, als nicht mehr länger die Ghetto-Kinder kämpften, sondern die Söhne des Mittelstandes eingezogen wurden.Erst da brannten die Seminare.Jetzt brennen das Kosovo und Belgrad.Amerika macht mit, aber die Amerikaner nicht.Die Schüler der "Whitehurst High School" verzichten auf ihren Jahresausflug und spenden die gesparten 1500 Dollar dem Roten Kreuz - für die Flüchtlinge.Nach dem dritten Kirsch-Killer-Biber wird gefahndet, rund um die Uhr.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar