Politik : Biete Samtsofa, brauche Sandsack

Bagdads Bürger lassen ihre Habseligkeiten versteigern, um für einen Krieg gewappnet zu sein

Asne Seierstad[Bagdad]

IRAK – ZWISCHEN KRIEG UND FRIEDEN

Kein Gebot. Was soll man mit einem Samtsofa, wenn der Krieg näher kommt? Oder mit einem Geschirr für zwölf Personen? In Bagdad versuchen alle, überflüssige Dinge loszuwerden, um das Wichtige zu lagern: Lebensmittel, Benzin und Wasser. Auf Bagdads unzähligen Auktionsmärkten ist das Angebot größer als die Nachfrage.

„Sie sollten Ihr Hemd bügeln, Mann!“, ruft der Auktionator. Alle lachen, das Ganze ist in einer Stadt, in der die Freizeitangebote begrenzt sind, auch Unterhaltung. Aber obwohl an Witzen nicht gespart wird, bleibt das Bügeleisen unverkauft. „5000 Dinar“, ruft der Auktionator. „Ich fange bei 5000 an! Spottpreis, es ist viel mehr wert, bietet jemand mehr?“ Niemand hebt die Hand, und das Bügeleisen aus rostfreiem Stahl zum Preis von etwa zwei Euro bleibt unverkauft. Bügeleisen braucht jetzt niemand. Eimer und Spaten zum Brunnengraben im Hof werden gekauft, Klebeband, um die Fensterscheiben zu sichern, Sandsäcke für die Wände, warme Decken für die Luftschutzkeller, Laternen, Taschenlampen und Streichhölzer.

Einige Nachbarn haben sich zusammengetan, um einen gebrauchten Generator zu ergattern. „Falls die Elektrizitätswerke bombardiert werden, brauchen wir den. Wir wollen ihn abwechselnd verwenden, damit die ganze Straße etwas davon hat“, sagen zwei kräftige Männer, die Abgesandten der Nachbarschaft. Aber an diesem Abend steht kein Generator zum Verkauf.

Auf einem grünen Sofa sitzt Duraid al-Swab mit seiner Tochter Sera. Sie warten darauf, dass ihr Sofa aufgerufen wird. Sie hoffen, dass jemand kommt, es sich anschaut und kauft. „Wir fanden, dass wir es nicht mehr brauchen. Es war eigentlich immer zu groß und stand im Weg. Außerdem brauchen wir Geld“, erklärt Duraid, der Ingenieur bei einem staatlichen Betrieb ist. „Sie wissen schon, niemand weiß, wie es weitergeht.“ Wie die meisten anderen Iraker glaubt Duraid, dass der Krieg und die Bomben jederzeit kommen können. Er glaubt weder an ein Ultimatum noch an eine letzte Warnung. „Bush will diesen Krieg, und dann macht er, was er will, wann immer er will. Daran können wir nichts ändern“, meint Duraid.

Seit der Invasion von Kuwait 1990 ist der irakische Lebensstandard drastisch gesunken. Nach zwölf Jahren mit Sanktionen und Embargos ist die Kaufkraft besonders der Mittelklasse ins Bodenlose gefallen. Anwälte, Ingenieure, Ärzte und Lehrer kämpfen, um ein paar Dinare dazu zu verdienen. Entweder haben sie mehrere Jobs, fahren abends Taxi oder sie verkaufen ihre Habseligkeiten. Die Löhne sind fast wertlos, da der irakische Dinar in den letzten 20 Jahren 8000 Prozent seines Wertes verloren hat.

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