Politik : Bilanz, Affekt, Befreiung

TISSY BRUNS

BONN .Er bittet ihn, die Last auf sich zu nehmen.Johannes Rau, der an diesem Tag die Rolle des Dienstältesten im SPD-Parteipräsidium auszufüllen hat, ist der erste in der Runde, der es ausspricht: Gerhard Schröder soll Parteivorsitzender der SPD werden.

Wirklich ein starkes Stück, das diese Woche auf der Bonner Bühne gegeben wird.Wie ein Magnet zieht am Freitagmorgen das Ollenhauer-Haus Fotographen, Kameras und Journalisten an.Reinhard Pauk, der stämmige Abteilungsleiter Organisation im Hause, hat alle Hände voll zu tun, um das Führungspersonal der SPD durch die Kamerapulks zu lotsen und zu schieben, die wie vielbeinige Riesenorganismen zu dem schwenken und rennen, der da gerade kommt.Wolfgang Clement, zum Beispiel, der sich nach überstandener Drängelei auf die Treppe stellt und der Meute zuruft: "Gefällt Ihnen eigentlich Ihr Beruf?" Und auf den es zurückschallt: "Wie lange machen Sie Ihren denn noch?" Da blickt Clement für einen kurzen Moment bestürzt nach unten.

Rau, der später den frisch designierten Parteivorsitzenden Schröder vorstellen wird, wirkt mitgenommen.Heide Simonis wie immer.Der sonst immer zu einem flotten Wort aufgelegte Reinhard Klimmt, Lafontaines Gefährte aus dem Saarland, betritt das Haus wortlos.Dem Präsidium, das über den Rücktritt rätselt, wird er sagen, daß er den Vorabend als Freund im Haus der Lafontaines verbracht hat.Er wird kein Geheimnis lüften.Kanzleramtsminister Bodo Hombach hilft in diesem Gedränge nicht einmal seine massige Statur.Rudolf Scharping, ehemaliger Parteivorsitzender und Lafontaines Putsch-Opfer, springt aufgeräumt die Treppe hoch.Am Nachmittag wird der Minister Richtung Washington fliegen.Lafontaine wird im Saarland vermutet, meldet eine Agentur.

Doch das Ollenhauer-Haus ist nur die Bühne für den Epilog, vielleicht nur für den Abspann eines starken Stückes.Seine Dramatik blitzt auf in Clements bestürztem Blick.Und wer den Genossen Pauk agieren sieht, der hat vielleicht wieder vor Augen, wie der beherzte Mann im April 1990 die geistesgestörte Attentäterin in den Griff genommen hat, wenige Schritte neben dem schwerverletzten Kanzlerkandidaten der SPD.Oskar Lafontaine ist weit weg, auf unheimliche Art fern, unerreichbar.Gerhard Schröder betritt das Ollenhauer-Haus unbemerkt und mit vollendeten Tatsachen in der Tasche.Im Kanzleramt, nicht im SPD-Haus, sind alle Konsequenzen aus der Personalie Lafontaine eingefädelt worden, schon am Vorabend, während die angesetzte Präsidiumssitzung einfach abgesagt worden ist.Ersatz für den Finanzminister: Hans Eichel aus Hessen.Nachfolge für den Parteichef: Gerhard Schröder.Der hat sich schon am Vorabend rufen und aus dem Kanzleramt sickern lassen, er stünde zur Verfügung.

Johannes Raus Wort ist dann nur noch Nachvollzug.Das heißt: Die SPD macht Gesten, wo früher hart gepokert wurde.Als Gerhard Schröder und Rudolf Scharping um den Parteivorsitz gekämpft haben, 1993, hat Rau still und wirksam an den Fäden gezogen, die den notorisch bösen Buben Schröder ferngehalten haben von der Macht in der SPD.Mit Lafontaines Hilfe.

Gestern dann gibt Schröder den Takt vor.Zum Krisenmanagement gehört die Vorgabe an seine Genossen, sich am Rätselraten um Lafontaines Rückzug nicht zu beteiligen.Es sei allein Lafontaines Sache, seine Motive zu erklären.Die Gremien der Partei und der Fraktion halten sich daran, schon weil die Frage allzu sehr schmerzt, wenn sie in großen Runden gestellt wird.In kleinen Zirkeln heißt es: So ist er eben, der Oskar.Schon zweimal hat er der Partei den Rücken gekehrt und sich verbunkert.1990, nach dem Attentat und der verlorenen Wahl.1987, als die Enkel und Willy Brandt ihn zum Vorsitzenden machen wollten und Lafontaine in letzter Minute zurückschreckte.

Natürlich ist das Rätselraten über Lafontaine am Freitag der heißeste Stoff des Tages."Die Überraschung dauert sozusagen noch an", sagt ein etwas müder Regierungssprecher.Es habe "keine Anzeichen in diese Richtung" gegeben.Hat es nach Lafontaines Schreiben an den Kanzler keinerlei Kontakt zwischen den beiden gegeben? "So ist es.Es sind Versuche unternommen worden, die nicht erfolgreich waren." Mit anderen Worten: Lafontaine verweigert jeden Kontakt.Er ist einfach abgetaucht.Und desto mehr wird spekuliert.Am Donnerstagmittag, nach seinem letzten dienstlichen Termin, hat Lafontaine Bonn verlassen, gibt sein Sprecher im Finanzministerium Auskunft.Regierungssprecher Heye datiert das letzte Gespräch Schröders mit Lafontaine auf den Mittwoch.

Ebenfalls am Mittwoch hat die legendäre Kabinettssitzung stattgefunden, die der Anlaß für den Rückzug gewesen könnte: Schröders Philippika für einen wirtschaftsfreundlicheren Kurs, die als Attacke gegen den Finanzminister zu verstehen war.Heye wehrt ab: Lafontaine habe sich ausdrücklich hinter Schröder gestellt, und nach der Präsidiumssitzung habe ein aufgeräumter, scherzender Lafontaine nichts zu erkennen gegeben.Auch im letzten Telefonat mit dem Kanzler, am Mittwoch nach der Kabinettssitzung, "hat nichts, aber auch gar nichts auf die am nächsten Tag vorhandene Lage hingewiesen".Ein Gespräch zwischen Lafontaine, Scharping und Schröder am Mittwoch sei ebenfalls "einvernehmlich" gewesen.

Unter den journalistischen Detektiven gibt es zwei Schulen: die einen, die ein unbekanntes, handfestes Ereignis als Erklärung suchen, die anderen, die einen letzten, vielleicht nur kleinen Anlaß vermuten, der Lafontaines Rücktritt ausgelöst hat.Krach mit Schröder, eine Brüskierung durch den Kanzler? Wollte Schröder das Steuerpaket noch einmal aufknüpfen im Interesse der Unternehmer? Es wird gesucht, vermutet, nichts wirklich Handfestes gefunden.Heye wird nach "anderen finsteren Hinweisen" gefragt und antwortet: "Herr Kollege, ich kann Ihnen nicht helfen." Schließlich stellt der Regierungssprecher im Zuge seiner Gerüchte-Abwehrschlacht die gewagteste These des Tages auf: Was auch immer zu Lafontaines Rücktritt geführt haben mag, sagt er: "Es kann nichts zu tun haben mit der Beziehung zwischen den beiden Politikern."

Unter den Sozialdemokraten, die sich offiziell daran halten, nicht zu spekulieren, wird am meisten gerätselt.Natürlich steht im Zentrum eben die Beziehung zwischen den beiden mächtigsten Genossen, zwischen Kanzler und Lafontaine."Bilanz, Affekt, Befreiung", faßt der Sprecher des Seeheimer Kreises den Vorgang zusammen.Nach Mannheim habe man sich in der Partei arrangiert, um in einem geordneten Verfahren die Macht wiederzugewinnen.Da habe es, sagt Karl Hermann Haack, keine Sieger, keine Verlierer gegeben.Die Seeheimer sind Schröder-Leute."Keine Häme", sagt Haack, "Oskar hat seine unbestreitbaren Verdienste." Die neue Situation sei vielleicht so etwas "wie eine Bereinigung", Lafontaines Rückzug möglicherweise "ein Befreiungsschlag wie Mannheim".Der langjährige Bundestagsabgeordnete Gert Weisskirchen gehört zu denen, die Lafontaines Rückzug schmerzt: "Da ist ein Starker, ein Großer gegangen.Ob die innere Balance der SPD von einem an der Spitze austariert werden kann? Das ist nicht so einfach." Dieter Wiefelspütz, der Otto Schily darin unterstützt hat, beim Staatsbürgerrecht einen Kompromiß mit der FDP zu finden, wehrt die Fragen nach einem neuen Kurs ab: "Die Vorstellung, daß wir so etwas wie eine FDP light werden, wird Ihnen niemand erfüllen."

Wegen dieser Befürchtung haben die Jusos, voran die Vorsitzende Andrea Nahles, öffentlich gesagt, daß ihnen Schröder als Parteivorsitzender nicht paßt.Aus den Gewerkschaften erklärt DGB-Vize Ursula Engelen-Kefer unaufhörlich, daß es Lafontaine war, der für den erhofften "Politikwechsel" gestanden habe.Sechs Gegenstimmen, drei Enthaltungen hat die von Schröder erbetene geheime Abstimmung im Parteivorstand gebracht, bei 23 Ja-Stimmen.Gerhard Schröder steht nach der Sitzung neben Johannes Rau vor der Presse und nennt das: "Ehrlich".

Da steht er, der Kanzler.Die SPD wird Programmpartei bleiben, versichert er.Mehrfach, weil er weiß, daß es ihm schwer abzunehmen ist."Verzeihung", ruft er, und es ist der einzige Moment des Tages, an dem Schröder seine ernste Attitüde aufgibt, "Verzeihung, ich verspüre keine Krise." Ist die SPD in ihrer Arbeitsfähigkeit gestört, ist sie handlungsunfähig? Nein."Das ist alles nicht der Fall." Der Bundesgeschäftsführer wird weiter Ottmar Schreiner heißen.Schröder hat konzentriert gearbeitet, um den Lafontaine-Schock in den kontinuierlichen Gang der Dinge einzuordnen.Hans Eichel findet auf dem Weg zur Fraktionssitzung im ersten Anlauf nicht die richtige Tür.Gerhard Schröder steht so selbstverständlich da vorn, im Ollenhauer-Haus, daß für Irritation kein Raum bleibt.Sonst stünden die Genossen wohl fassungslos vor der Tatsache, daß der Parteivorsitzende in vier Wochen Gerhard Schröder heißt.Die Troika - das Gespann Scharping, Schröder, Lafontaine - war nie mehr als eine traurige Lüge der SPD, ein erfolglose zudem.Das Duo, die Männerfreundschaft zwischen Lafontaine und Schröder, ein echter Mythos: Denn die Rivalen haben es geschafft, aus der größten Not der Nach-Brandt-SPD eine Tugend zu machen: aus der Führungskrise eine Doppelspitze, aus dem egoistischen Gegeneinander der Enkel-Generation ein diszipliniertes Zusammengehen.

Übriggeblieben ist der Genosse, der am wenigsten auf die Partei gegeben und seine Erfolge den Umwegen über die Wähler und die Medien verdankt: der böse Bube der Troika, der populäre Sonnyboy des Duos.Da steht er nun, die Krise im Griff, die SPD im Blick: Troika, Duo, Solo.

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