Politik : Bilanz der Kanzlerreise: und der Zukunft zugewandt (Leitartikel)

Tissy Bruns

Das kann dieser Kanzler einfach nicht mit ansehen, wenn Menschen vergeblich am Zaun rütteln und nicht hinein dürfen. Da dreht er um und ordnet persönlich an, dass die schaulustigen Bürger mit ihm auf den Platz gehen und zusehen dürfen, wie er mit den jugendlichen Kickern von GrünWeiß Wolfen redet. Keine Regie - und die Regie dieser Reise war ohnehin bemerkenswert gut - hätte sich eine bessere Szene ausdenken können: Gerhard Schröder öffnet den Ostdeutschen die Türen, und die freuen sich.

Zwei Wochen ist der Kanzler durch die neuen Länder gereist - und von Abstand, Fremdheit, Unbehagen zwischen dem hohen Besuch und den Bewohnern keine Spur. Gerhard Schröder, daran muss man erinnern, hat vor weniger als zwölf Monaten im Osten verheerende Wahlniederlagen eingesteckt. In Sachsen und Thüringen ist die SPD ins Zehn-ProzentGetto gerutscht, weil Schröders Kabinett schlecht regiert hat und die SPD sich nach der Wende nicht verwurzeln konnte. Das wiederum hat damit zu tun, dass die politische Generation, aus der Schröder kommt, den Einheitsprozess mit erkennbarem Abstand begleitet hat. Mit dieser Haltung hat die SPD in den 90er Jahren die neuen Länder der PDS und dem Einheitskanzler überlassen.

Jetzt reist der sozialdemokratische Nachfolger durch den Osten, und Kanzler wie Bürger zeigen: Was war, zählt nicht mehr. Nicht mehr negativ gegen Schröder. Und wohl auch nicht mehr positiv für die CDU, die im Streit um Kohl ihr politisches Erbe verzehrt und ihre Fundamente in den neuen Ländern untergräbt. Schröders Erfolgsreise ist ein Beleg für den sicheren Instinkt, mit dem er offene Situationen erkennt und zugreifen kann: Da ist ein freies Feld entstanden, denn neben der Union hat auch die PDS nach dem Rückzug von Gregor Gysi und Lothar Bisky mit Schwierigkeiten zu rechnen. Der Gedanke ist nicht abwegig, dass Schröder der schwächlichen Volkspartei SPD zu mehr Wählern und Mitgliedern verhelfen könnte.

Die neue Herzlichkeit, die Gerhard Schröder entgegenschlug, beruht darauf, dass da einer angereist ist, der sich kümmert. Ums Große und Ganze. Und um die Einzelheiten. Der Kanzler erobert den Osten mit der gleichen Methode, mit der er sein schwieriges Verhältnis zur SPD verbessert hat: eine Mischung aus Zuwendung und klaren Worten, wobei er über die jeweilige Dosierung der beiden Zutaten situativ und unter Nutzung seines Talents zum Populären zu entscheiden versteht.

Gewiß ist Schröder mit den Bekenntnissen zu fortgesetzter Solidarität der Neigung vieler ostdeutscher Bürger entgegengekommen, vorrangig auf die Hilfe von oben zu setzen. Aber eine Reise der großen Versprechen war das nicht und ausdrücklich auch keine der unmittelbaren Wirkungen. Schröder hatte keine Ankündigungen im Gepäck, keine spontane Firmenrettung im Ärmel, und in seinem Tross folgte keine Wirtschaftsdelegation mit Verträgen über neue Investitionen. Diese Reise hat vor allem die Erfolgsgeschichten in den neuen Ländern beleuchtet. Es ist eine unsinnige und verständnislose Kritik, dass Schröder sich damit vor den Problemen im Osten gedrückt habe. In den Erfolgsgeschichten stecken die Leistungen und die Initiative der Ostdeutschen, denen der Kanzler seinen Respekt gezeigt hat. Das ist angemessen. Wer weiß: Vielleicht findet ausgerechnet Gerhard Schröder, der 1990 mehr an die rot-grüne Machtperspektive in Niedersachsen gedacht hat als an die Einheit, nach dem schnöden Streit um Redner und Reden des 3. Oktober am zehnten Jahrestag den richtigen gesamtdeutschen Ton.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben