Bilanz : Erstmals wieder mehr Lehrstellen als Bewerber

Auf den ersten Blick eine positive Tendenz: Erstmals seit sieben Jahren gibt es wieder mehr unbesetzte Lehrstellen als Bewerber. Kritiker mahnen, dass diese "Erfolgsmeldung" nur die eine Seite der Medaille widerspiegele.

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Auszubildende in technischen Berufen haben beste Chancen. -Foto: dpa

BerlinMit Beginn des neuen Ausbildungsjahres Ende September standen 14.900 unvermittelten Jugendlichen noch 19.500 offene Ausbildungsplätze gegenüber. Dies geht aus einer am Montag veröffentlichten Bilanz der Bundesagentur für Arbeit hervor.

Zugleich will trotz der sich abschwächenden Konjunktur mehr als jedes dritte Unternehmen weitere Fachkräfte einstellen - vor allem Akademiker aus den Fachrichtungen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. In einer Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) klagten 38 Prozent der befragten Firmen über einen Fachkräftemangel in diesen Berufen. Mit Entlassungen rechnen nur elf Prozent.

Die "Erfolgsmeldung" beinhaltet nur die halbe Wahrheit

Als eine Ursache für die Entspannung auf dem Lehrstellenmarkt gilt auch die sinkende Zahl der Schulabgänger. Arbeitgeberverbände, Handwerk und Bundesregierung lobten ihren Ausbildungspakt. Mit 68.300 zusätzlich eingeworbenen Lehrstellen und 42.700 neuen Ausbildungsbetrieben seien die Zielvorgaben bereits jetzt erfüllt, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung.

Industrie, Handel und Handwerk sowie Freiberufler haben nach Verbandsangaben bis zum 30. September 539.560 Ausbildungsverträge abgeschlossen - 9.200 oder 1,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Die meisten Lehrlinge stellten mit 343.259 Neuverträgen Industrie und Handel (plus 3,5 Prozent) ein, gefolgt vom Handwerk mit 153.081 (minus 1,6 Prozent).

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mahnte, die "Erfolgsmeldung" von Wirtschaft und Bundesregierung spiegele "nur die halbe Wahrheit wider". In der Statistik fehlten rund 400.000 Jugendliche, die in "Warteschleifen" oder Übergangsmaßnahmen "zwischengeparkt" seien - meist ohne echte Perspektive auf einen betrieblichen Ausbildungsplatz.

Unternehmen wollen künftig keine Ungelernten mehr

Der Göttinger Sozialwissenschaftler Martin Baethge sieht einen ungebrochenen Trend zur "Höherqualifizierung". Hauptschüler hätten immer größere Vermittlungsprobleme, sagte Baethge bei einer Tagung der SPD-Fraktion. Bundesweit haben nach dem jüngsten Bildungsbericht von Bund und Ländern 40 Prozent der Hauptschüler auch 30 Monate nach Schulende noch keinen qualifizierten Ausbildungsplatz - trotz einer "Odyssee" von Nachqualifizierungen und Zusatzkursen.

Nach der IW-Umfrage gibt jedes dritte Unternehmen an, in Zukunft keine Ungelernten mehr zu benötigen. Jeder fünfte Betrieb hat vor, Jobs für Arbeitskräfte ohne Berufsabschluss abzubauen.

Baethge forderte eine bundeseinheitliche Regelung für die Studienzulassung von Meistern, Technikern oder anderen beruflich qualifizierten Fachkräften ohne klassisches Abitur oder Zeugnis der Fachhochschulreife. Nur 0,6 Prozent der Neueinschreibungen an Universitäten und 1,9 Prozent an Fachhochschulen kämen über eine berufliche Ausbildung ins Studium. (sba/dpa)

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