Politik : Bilder der Schande

Nach US-Soldaten stehen nun auch Briten unter Verdacht: Fotos zeigen Misshandlung von irakischen Gefangenen

Malte Lehming[Washington]

Alles kommt heraus. Das ist die Grundregel moderner Kriege. Vertuschen, verheimlichen, unter der Decke halten: All die Praktiken aus der Vorzeit der modernen Geräte und Kommunikationsmittel sind untauglich geworden. Heute ziehen die Soldaten mit Digitalkamera und Handy ins Gefecht. Sie schreiben E-Mails an ihre Freunde. Was sie erleben, sehen und tun, wird öffentlich.

Nach amerikanischen stehen nun britische Soldaten im Verdacht, irakische Gefangene misshandelt zu haben. Der „Daily Mirror“ veröffentlichte am Samstag das Foto eines britischen Soldaten, der auf den nackten Oberkörper eines jungen Mannes uriniert. Im Innenteil weitere Bilder: Ein Soldat stößt dem Gefangenen einen Gewehrkolben in die Genitalien, tritt ihm mit dem Schuh ins Gesicht, bedroht ihn mit dem Gewehr. Der britische Premier Tony Blair sagte dem Sender BBC, sollten sich die Berichte bestätigen, sei es ein völlig unakzeptables Verhalten. „Wir sind in den Irak gegangen um solche Dinge los zu werden, nicht um so etwas selbst zu tun.“ Die Armee habe eine Untersuchung eingeleitet.

Zuvor hatten Fotos, auf denen zu sehen ist, wie irakische Gefangene von US-Soldaten misshandelt werden, weltweit Empörung verursacht. Dabei existieren die Fotos, die der US-Sender CBS am vergangenen Mittwoch erstmals gezeigt hatte, schon länger. Aufgenommen worden waren sie im Dezember in der Haftanstalt Abu Ghraib. Die Soldaten selbst hatten sie geschossen. Offenbar fanden sie ihr Treiben amüsant.

Die Fotos wurden weiter gereicht bis sie ein Vorgesetzter in die Hand bekam, der eine Untersuchung einleitete. Am 20. März gab die Militärführung im Irak knapp bekannt, dass strafrechtliche Verfahren gegen sechs Mitglieder einer Reserveeinheit eingeleitet wurden. Diese hätten ihren Dienst im Gefängnis von Abu Ghraib westlich von Bagdad verrichtet. Die Anklage laute auf Misshandlung, Grausamkeit und das Begehen unwürdiger Akte an Inhaftierten. Seit Wochen lagen dem Sender CBS Abzüge der Bilder vor. Redakteure der Sendung „60 Minutes II“ begannen zu recherchieren. Vor zwei Wochen aber erreichte die Redaktion eine dringliche Bitte des Pentagon: Wegen der Spannungen im Irak möge eine Veröffentlichung verschoben werden. Das tat CBS. Doch seit Wochenbeginn zirkulierten die Fotos in anderen Redaktionen. CBS teilte dem Verteidigungsministerium mit, dass die Ausstrahlung unumgänglich sei. Der Skandal nahm seinen Lauf.

In Bagdad versuchte Militärsprecher Mark Kimmitt, den Schaden zu begrenzen. Er informierte, noch vor der Ausstrahlung, arabische Medien über den Vorfall. Die US-Militärführung sei „absolut bestürzt“, die Täter würden bestraft, weniger als 20 der etwa 8000 Insassen von Abu Ghraib seien betroffen.

Genützt hatte die Vorsorge wenig. Bei den Sendern Al Dschasira und Al Arabija waren die US-Fotos am Freitag das Topthema. Die Schlagzeilen in der arabischen Welt lauteten „Der Skandal“ und „Die Schande“. Von „barbarischen Akten“ war die Rede. Vergleiche mit den Gräueln Saddams wurden angestellt. Präsident George Bush und Premier Tony Blair sahen sich genötigt, persönlich Stellung zu nehmen. Doch durch die neuen Fotos im „Daily Mirror“ wird ein böser Verdacht genährt: Womöglich waren dies keine Einzelfälle. Die USA zogen inzwischen die Leiterin der Militärgefängnisse im Irak ab. Die Offizierin Janis Karpinski sei suspendiert worden. Die Leitung der Haftanstalten und Lager soll nach Angaben von Kimmitt der bisherige Kommandeur des Sondergefängnisses Guantanamo, Generalmajor Geoffrey Miller, übernehmen.

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