Bildung : Deutschland hat zu wenig Hochschulabsolventen

Der Anteil der Deutschen mit Hochschulabschluss liegt unter dem OECD-Durchschnitt. Das zeigt eine heute veröffentlichte Statistik zum Bildungsniveau der Deutschen.

Sandra Lukosek
Welt-Alpha-Tag: "Jeder kann lesen und schreiben lernen"
Welt-Alpha-Tag: "Jeder kann lesen und schreiben lernen"Foto: Oliver Berg_dpa

Das Statistische Bundesamt gibt heute die „Internationalen Bildungsindikatoren im Ländervergleich“ mit den Zahlen zum Bildungsniveau der Deutschen von 2008 heraus. Laut Destatis stieg der Anteil der Bevölkerung im Alter von 25 bis 64 Jahren mit mindestens einem Abschluss im Sekundärbereich II seit 2004 kontinuierlich an. Das bedeutet, immer mehr Deutsche machen das Abitur, beenden erfolgreich ihre Lehre oder absolvieren einen Berufsfachschulabschluss, Fachhochschul- oder Hochschulabschluss. Mittlerweile haben insgesamt 85 Prozent aller Deutschen einen solchen Abschluss. Damit liegt Deutschland wie in den Vorjahren in allen Bundesländern weit über dem OECD-Durchschnitt von 72 Prozent. Die neuen Bundesländer erreichten 2008 mit 92 Prozent und mehr nach wie vor internationale Spitzenwerte. 97 Prozent aller Sachsen haben im Alter von 35-54 Jahren mindestens eine Ausbildung abgeschlossen oder das Abitur bestanden. Das Vorzeigeland hält damit den bundesweiten Höchstwert.

Der Anteil der Bevölkerung im Alter zwischen 25 und 64 Jahren mit einem höheren Abschluss lag allerdings 2008 in Deutschland mit 25 Prozent erneut unter dem OECD-Durchschnitt von 28 Prozent. Nur ein Viertel aller Bundesbürger kann also einen Fachschulabschluss, Fachhochschul- oder Hochschulabschluss vorweisen. Im internationalen Vergleich gelang hier in den letzten sechs Jahren keine nennenswerte Steigerung. Die meisten Hochschulabsolventen kamen mit 34 Prozent aus Berlin und 33 Prozent aus Sachsen.

Die Folgen dieser fehlenden Steigerung sind unaufhaltbar: 2007 verlor Deutschland bereits seinen Ruf als Bildungsland. Der weiterhin sinkende Bildungsoptimismus der Bundesbürger schlägt sich heute schon direkt in einem strukturellen Mangel an Hochqualifizierten nieder. Der Bundesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung, Ludwig Eckinger, findet deswegen, dass zuerst die Bildungshürden weggeräumt werden müssen, durch die jetzt noch fast ein Viertel der Lernenden auf der Strecke bleibt. Der Anteil von Schulabbrechern müsse deutlich sinken und der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg aufgebrochen werden. Dazu gehöre vor allem eine frühe Förderung von Zuwandererkindern, um ihre Bildungschancen nachhaltig zu verbessern. Bildungsexperte Ludwig Eckinger fordert einen Paradigmenwechsel von der Auslese hin zum Prinzip des Förderns und Forderns.

Komplett auf der Strecke bleiben die vier Millionen Deutsche aller Altersgruppen, für die bereits der Kauf eines U-Bahntickets am Fahrkartenautomat eine Belastungsprobe wird: die Analphabeten. Der Weltalphabetisierungstag, auch Weltbildungstag genannt, erinnert heute zum 55. Mal daran, dass es Menschen gibt, die "aus dem Puzzle von Buchstaben, aus denen ein Wort besteht, keinen Sinn bilden" können, wie einst der ehemalige österreichische Präsident der UNESCO-Kommission Hans Marte das Problem beschrieb. Weltweit gibt es 759 Millionen funktionale Analphabeten, also Menschen die nicht ausreichend lesen und schreiben können. Sie sind wahre Überlebenskünstler, die für jede Konfrontation mit ihrer Schwäche einen passenden Notfallplan parat halten müssen. Was tun, wenn die Frau am Bahnschalter ihren Bildschirm zeigt, damit man sich die passende Verbindung selbst wählen kann. Wie den Willkommensbogen in der Zahnarztpraxis ausfüllen, den man von der Schwester im überfüllten Warteraum gereicht bekommt. Und wie verhält man sich, wenn der worst case eintritt und irgendjemand versteht, was mit einem los ist? 

„Eine Schule für alle“ nach finnischem Beispiel würde nach Ansicht von Maren Elfert vom Unesco-Institut für Pädagogik im Kampf gegen den Analphabetismus helfen. Bedingung wäre die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems in Deutschland. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert die Forschung zur Alphabetisierung und die Grundbildung Erwachsener mittlerweile mit 30 Millionen Euro.

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