Politik : Bildung: Rau fordert Korrektur jahrzehntelanger Fehler

Uwe Schlicht

Deutliche Kritik an der Bildungspolitik der vergangenen Jahre hat Bundespräsident Johannes Rau am Freitag in Berlin geübt. Rau sprach zum Auftakt der zweitägigen Konferenz der Alfred Herrhausen-Gesellschaft der Deutschen Bank, die dem Thema "Bildung im Wettbewerb" gewidmet ist. In den sechziger Jahren sei "die Bildungsdiskussion in einer ideologisch aufgeheizten Organisationsdebatte über die beste Schulform und die beste Hochschulform versandet. Heute müssen wir es besser machen", sagte Rau. Leider gehe es der Bildungspolitik jedoch wie dem Wetter: "Jedem Hoch folgt ein Tief, und manchmal hält so ein Tief lange an." Im Verlauf der 70er Jahre hätten die Finanzzwänge die Bildungsexpansion in den Hintergrund gedrängt, und auf die Deutschen sei nur ein Regen von Grundsatzpapieren niedergegangen. Heute fänden Schulen und Hochschulen wieder mehr Aufmerksamkeit, weil die Wissensgesellschaft das Pendant zur Dienstleistungsgesellschaft geworden sei.

Aber der Bundespräsident nannte auch die Kehrseiten: Immer weniger Menschen würden heute und künftig so leben wie ihre Eltern, immer weniger Menschen blieben während ihres Lebens immer auf demselben Arbeitsplatz. Dies empfänden viele als Bedrohung. Rau wies darauf hin, dass sich heute neue Chancen auf Freiheit, aber auch neue Zwänge eröffneten. Wer sich angesichts der vielen Freiheiten nicht zu entscheiden vermöge, könne daran zerbrechen. Bildung müsse dazu beitragen, dass "die Menschen die Freiheit auch nutzen und aus dem Zwang zur Entscheidung etwas machen können". Die Menschen "brauchen mehr als Wissenswerkzeuge, die sie "nur klug für einmal machen", sagte er. Bildung müsse zum Kompass werden, um sich in der heutigen Welt des dauernden Wandels zu orientieren. "Was heute als Verschlankung gerühmt oder als Effizienzsteigerung verkauft wird, kann uns schon morgen teuer zu stehen kommen", sagte Rau.

Anthony Giddens, der Direktor der London School of Economics, nannte in seiner Ansprache drei große Herausforderungen, vor denen die Menschheit heute stehe. Alle hätten mit Bildung zu tun: die Globalisierung, der technologische Wandel und die forschreitende Individualisierung. Die Globalisierung ist für Giddens eng mit der Kommunikation und den weltumspannenden Kontakten über das Internet verflochten. Auch die neue Wirtschaft sei ohne das Internet undenkbar: Während früher etwa 40 Prozent der Menschen in der Produktion und in der Massenarbeit beschäftigt waren, seien es heute in führenden Ländern nur noch 16 Prozent. Bald würden es nur noch zehn Prozent sein. Wissen werde in der neuen Wirtschaft zum entscheidenden Faktor.

Die Individualisierung stellte Giddens ebenfalls in einen weltweiten Zusammenhang: Traditionen könnten die Menschen nicht mehr so binden wie früher. Die Menschen arbeiteten und lebten heute nicht mehr nur an ihrem Geburtsort oder in dem Land, wo sie aufgewachsen seien. Die künftige Elite werde kosmopolitisch sein. Angesichts dieser Entwicklung würden Bildung und Erziehung immer wichtiger. Giddens warnte aber davor, traditionelle Formen der Bildung durch virtuelle Angebote ersetzen zu wollen.

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