Bildung : Warum schneidet Deutschland bei der Pisa-Studie wieder besser ab?

Bei der aktuellen Untersuchung haben sich die deutschen Schüler verbessert. Was sind die Gründe dafür, und was muss noch getan werden?

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Sie ist die größte Schulstudie der Welt, und eine der umfangreichsten wissenschaftlichen Untersuchungen überhaupt: die Pisa-Studie, die alle drei Jahre durchgeführt wird. 470 000 15-jährige Schüler wurden dieses Mal weltweit getestet; allein in Deutschland nahmen 4979 Jugendliche aus 223 Schulen teil. Vor neun Jahren erschütterten die Ergebnisse der ersten, 2000 durchgeführten Studie das Land – und lösten viele Schulreformen aus. In der aktuellen Untersuchung von 2009, die am Dienstag veröffentlicht wurde, zeigen sich Verbesserungen.

Wie schneiden die deutschen Schüler ab?

Im Lesen, dem Schwerpunkt der diesjährigen Pisa-Studie, befinden sich deutsche Schüler im Mittelfeld. Wie in den meisten Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) schneiden Mädchen deutlich besser ab als Jungen. Eine besondere Schwäche zeigen die Schüler, wenn sie Texte bewerten und reflektieren müssen, besser können sie Informationen herausfiltern. In Mathematik sind die Deutschen aber deutlich über den OECD- Schnitt geklettert, sie haben seit der letzten Erhebung im Jahr 2006 Boden gutgemacht (plus neun Punkte). Überdurchschnittlich schneiden die Schüler erneut auch in den Naturwissenschaften ab, stagnieren aber im Vergleich zu 2006. Der Abstand zu den Spitzenreitern ist in allen drei Bereichen noch groß. Für die Berliner Pisa-Forscherin Renate Valtin sind die Ergebnisse zwar an sich erfreulich. Andererseits würden die deutschen Schulen es noch immer nicht schaffen, die sehr guten Ergebnissen der Grundschulen in den weiterführenden Schulen zu erhalten, sagte Valtin dem Tagesspiegel. So lag Deutschland bei der internationalen Grundschullesestudie Iglu 2006 deutlich über dem internationalen Schnitt.

Wie haben sich die Ergebnisse verändert?

Im Jahr 2000 lagen die Deutschen in allen Bereichen unter dem OECD-Schnitt. In der Langzeitperspektive haben sich die deutschen Schüler bei allen getesteten Kompetenzen verbessert, selbst wenn es von Studie zu Studie manchmal nur langsam vorangeht. So legte Deutschland beim Lesen seit der ersten Untersuchung insgesamt um 13 Punkte zu, in Mathematik um 23 Punkte, in den Naturwissenschaften um 33 Punkte. In Mathematik und Naturwissenschaften seien die Fortschritte „bedeutsam“, sagen die Forscher. Das ist nicht selbstverständlich, wie der Vergleich zeigt: Viele OECD-Staaten haben sich über den langen Zeitraum hinweg eher verschlechtert. In Mathematik etwa haben sich mit Deutschland nur fünf Staaten verbessert.

Wie erklären sich die Erfolge?

Wie Deutschland sich verbessert hat, zeigt sich bei den „Risikoschülern“, die nur auf elementarem Niveau lesen und rechnen können. Deren Anteil ist beim Lesen seit dem Jahr 2000 von knapp 23 auf jetzt 18,5 Prozent zurückgegangen, in Mathematik auf 18,6 Prozent. Damit liegt Deutschland hier inzwischen im Schnitt der OECD-Staaten, in Mathematik sogar deutlich darunter. Die Zahl der schwächsten Schüler, die beim Lesen noch unter der ersten Kompetenzstufe liegen, hat sich seitdem halbiert. Insgesamt seien die Verbesserungen des deutschen Ergebnisses darauf zurückzuführen, dass die Leistungen einheitlicher geworden seien, erklären die Forscher. Allerdings ist die Gruppe der stärksten Leser nicht gewachsen, bei den Jungen sogar von 6,7 auf 4,4 Prozent geschrumpft.

Welche Rolle spielt die soziale Herkunft für die Schulleistung?

Noch immer haben Schüler hierzulande deutlich schlechtere Chancen, wenn sie aus ärmeren oder bildungsfernen Familien stammen. Doch auch hier ist die Entwicklung aus Sicht der Pisa-Forscher erfreulich. Ein Beispiel sind Jugendliche, deren Eltern nicht in Deutschland geboren wurden. Zwar schneiden sie 56 Punkte schwächer beim Lesen ab als Deutschstämmige. Bei der ersten Studie betrug der Abstand aber noch 84 Punkte. Schüler, die zu Hause nicht Deutsch sprechen, konnten ihren Rückstand auf ihre Mitschüler halbieren. Die Verbesserungen beim Lesen sind den Pisa-Forschern zufolge sogar den Kinder mit Migrationshintergrund zu verdanken: Sie haben ihre Lesekompetenz um 26 Punkte verbessert, die anderen Schüler nur um fünf Punkte. Trotzdem fordern die Pisa-Forscher, Deutschland dürfe nicht nachlassen, soziale Ungerechtigkeiten zu bekämpfen. Denn noch immer schneiden Kinder von an- oder ungelernten Arbeitern im Schnitt 75 Punkte schwächer ab als Kinder aus der Oberschicht.

Wie motiviert sind deutsche Schüler?

Hierzulande lesen überdurchschnittlich viele Jugendliche nur ungern oder gar nicht. Mehr als 40 Prozent sagen, sie würden überhaupt nicht zum Vergnügen lesen. Im OECD-Schnitt sind es 32 Prozent. Vergleichsweise klein ist auch der Anteil derjenigen, die mehr als eine Stunde am Tag lesen. Dass Schüler viel und mit Freude lesen, halten die Forscher aber für eine Grundvoraussetzung, einmal erworbene Kompetenzen zu erhalten und auszubauen. Vor allem die Lektüre von Romanen, Erzählungen und Geschichten helfe weiter, die von Comics dagegen weniger. Überraschen könnte die Tatsache, dass auch Schüler gut abschneiden, die häufig im Internet surfen und dabei viele E-Mails lesen und schreiben, chatten beziehungsweise online Informationen suchen.

Welche internationalen Entwicklungen gibt es?

An der Spitze liegen in allen drei Fachgebieten erneut Finnland und Kanada sowie Südkorea, Japan, Singapur. Der Großraum Schanghai, der für China das erste Mal getestet wurde, sowie Hongkong sind ebenfalls vorne. Finnland und Kanada sind für ihren individuellen Unterricht bekannt, der Schülern große Freiheiten lässt, die Asiaten eher für das Gegenteil. Gerade das gute Abschneiden der chinesischen Regionen ist für die OECD ein Beweis, dass die wohlhabenden Länder nicht mehr automatisch die besseren Schulsysteme haben. Von Korea abgesehen, hat auch die Spitzengruppe in den vergangenen zehn Jahren leicht nachgelassen, anstatt den Vorsprung auszubauen. Einige früher sehr gute Länder, vor allem Schweden und Irland, haben sich sogar entscheidend verschlechtert. Andere wie Polen sind dagegen stark aufgestiegen. Es sei also möglich, Fortschritte „selbst in kurzer Zeit zu erreichen“, folgern die Forscher.

Was macht gute Schulen weltweit aus?

Die Pisa-Forscher plädieren erneut für langes gemeinsames Lernen. Wenn von vornherein klar ist, dass Jugendliche für unterschiedliche Schullaufbahnen bestimmt sind, fallen die Leistungsunterschiede nämlich größer aus, ohne dass zwingend die Gesamtleistungen eines Landes besser werden. Ausschlaggebend sei, dass eine Gesellschaft die Leistungen von Lehrern würdigt. In dem Zusammenhang könne es wichtiger sein, die Qualität und das Gehalt von Lehrern zu erhöhen, als Klassengrößen zu reduzieren, argumentieren die Wissenschaftler.

Was kann Berlin aus der Studie lernen?

Die Leistungen der Bundesländer wurden in der Studie zwar nicht verglichen. Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) sieht sich durch die Ergebnisse dennoch bestätigt. Mit den integrierten Sekundarschulen und der Qualitätssicherung sei Berlin „auf dem richtigen Weg“. Allerdings sind die Urteile der Forscher ambivalent, wenn es um die Frage geht, wie Schulen abschneiden, die ihre Leistungsdaten veröffentlichen müssen. Genau das plant Zöllner für Berlin, was bundesweit bislang einmalig wäre. Hier sagen die Pisa-Forscher, das wirke nur dann leistungsfördernd, wenn die Schulen gleichzeitig autonom entscheiden können, wie sie ihre Lehrpläne gestalten und die Schüler beurteilen. Prinzipiell sehen die Wissenschaftler diesen Ansatz nicht als Allheilmittel. Länder, in denen Schulen in einen Wettbewerb treten müssen, produzieren nicht unbedingt bessere Ergebnisse als andere.

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