Bildungsbericht : Alte Stärken verloren

Der Nationale Bildungsbericht beschreibt die Krise der dualen Berufsausbildung. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bereits über dem Durchschnitt der OECD-Länder.

Anja Kühne,Uwe Schlicht

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) sieht Chancen, den Übergang Jugendlicher von der Schule in die Ausbildung „spürbar zu verbessern“. Einerseits gebe es einen aktuellen „Aufschwung auf dem Ausbildungsmarkt“. Andererseits könnten „gezielte Initiativen und Strukturreformen“ die Lage verbessern, sagte Schavan am Donnerstag in Berlin. Damit reagierte sie auf den zweiten nationalen Bildungsbericht, den die Kultusministerkonferenz (KMK) in Berlin vorstellte. Die Ministerin stellte auch „nicht rückzahlungspflichtige Aufstiegsstipendien“ für junge Studierwillige in Aussicht, „die in Ausbildung und Beruf besonderes Talent bewiesen haben“.

Der Bericht mit dem Titel „Bildung in Deutschland 2008“ entstand unter Federführung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (Dipf). Er übt vor allem scharfe Kritik an mangelnder Durchlässigkeit und starker sozialer Selektivität. Und er diagnostiziert im dualen Ausbildungssystem eine gefährliche Krise.

Wer nur einen Hauptschulabschluss oder gar keinen Abschluss besitzt, bekommt oft keinen Ausbildungsplatz. Nur zwei Fünftel dieser Schulabgänger hätten sechs Monate nach Schulabschluss einen Ausbildungsplatz gefunden, nach 30 Monaten seien es drei Fünftel. Noch nach zweieinhalb Jahren hätten 27 Prozent der Schulabgänger kein berufliches Ausbildungangebot. Die Übergangsangebote der Schulen und der Bundesanstalt für Arbeit böten aber nur begrenzte Chancen auf Anerkennung.

Die Bildungsforscher warnen: Das duale System von Berufsausbildung in den Betrieben und Unterricht in den Berufsschulen drohe „eine seiner früheren Stärken, Heranwachsende aus den bildungsschwächeren Gruppen durch die berufliche Ausbildung zu integrieren, zu verlieren“. Die Krise der dualen Ausbildung zeige sich auch darin, dass früher die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland im internationalen Vergleich sehr gering gewesen sei. Heute liege die Jugendarbeitslosigkeit im Durchschnitt der EU-Staaten und bereits über dem Durchschnitt der OECD-Länder. Auch wurden im Vergleichsjahr 2006 nur 57 Prozent der Ausgebildeten im Westen und 44 Prozent im Osten von den Betrieben übernommen. Ganz anders ist die Situation für Hochschulabsolventen. 80 Prozent haben ein Jahr nach Studienabschluss eine Erwerbstätigkeit aufgenommen. Drei Viertel der Absolventen befänden sich nach fünf Jahren in einer Position, in der ein Hochschulstudium die Regelvoraussetzung sei. Nur eine Minderheit sehe sich nach fünf Jahren noch immer inadäquat beschäftigt. Allerdings wird Mobilität verlangt. Ein Jahr nach dem Examen sind nur noch zwei Drittel der Absolventen in dem Land tätig, in dem sie ihren Abschluss erworben haben. Die Autoren des Bildungsberichts appellieren an die Politiker, das Übergangssystem von der Hauptschule in die duale Ausbildung auf seine Effizienz hin zu überprüfen. Die Schulausbildung in staatlicher Verantwortung und das duale System, das der Marktlogik der Wirtschaft folge, müssten deutlich besser koordiniert werden.

Die Kultusminister teilten hingegen mit, das berufliche Bildungssystem sei im internationalen Vergleich „nach wie vor erfolgreich“. Allerdings müssten „die Strukturen der beruflichen Ausbildung weiter entwickelt und das Übergangssystem optimiert“ werden. Deutlicher wurde die KMK-Präsidentin Annegret Kramp- Karrenbauer: Es sei dringend notwendig, dass die Politik mit der Wirtschaft über eine Verbesserung der dualen Ausbildung spreche, sagte sie. Die KMK-Präsidentin verwahrte sich gegen Versuche aus der Wirtschaft, die Probleme einseitig mit dem Versagen der Schule zu erklären. So hatte der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) „schlechte Schulen“ als Ursache der Misere gesehen: „Wenn die Jugendlichen besser qualifiziert von der Schule kämen, könnten wir mindestens 30 000 Ausbildungsplätze mehr anbieten“, sagte DIHK-Geschäftsführer Martin Wansleben.

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